Ein „Ja“ für die Zukunft der Gemeinde Weßling

Vor einigen Jahren klingelte es an vielen Haustüren in Weßling. Der damalige Kämmerer der Gemeinde, Michael Muther, stand am Gartentor, ein Glas Honig in der Hand, fragte, ob er reinkommen dürfe und erzählte dann, dass er Bürgermeister in Weßling werden wolle und im Ort vieles besser zu machen beabsichtige, als seine Vorgänger es getan hätten. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ihm damals ein großes Anliegen, für Weßling endlich die jahrzehntelang ersehnte Umgehungsstraße zu realisieren. Auf alle Fälle aber wollte er sich stets ein offenes Ohr für die Bürger im Dorf bewahren, so versprach der Kandidat bei seinen Hausbesuchen. Daran erinnere ich mich heute nicht als Einziger im Ort. Wer um den Weßlinger See geht und mit anderen Einheimischen ein wenig politisiert, hört schnell die Geschichte von Muthers erfolgreicher Ochsentour der Hausbesuche und dabei auch die Frage, wie es denn heute mit der damals beschworenen Bürgernähe des ehemaligen Kandidaten bestellt ist. Denn für Hausbesuche wie damals hat er wohl schon länger keine Zeit mehr. Fast könnte man bisweilen den Eindruck gewinnen, die täglichen Arbeitsberge auf dem Schreibtisch verbauten ihm ein wenig die freie Sicht – und raubten ihm die Zeit, um Zukunftsvisionen für seine Gemeinde zu entwickeln, der er als routinierter Moderator, z. B. der Gemeinderatssitzungen, gute Dienste erweist. Wenn der Bürgermeister dann auf besonders runden Geburtstagen als gemeindlicher Gratulant und Repräsentant erscheint, kommt nicht selten das Gespräch auf die unzähligen Überstunden, die er für die Gemeinde ableiste.

Michael Muther scheint jedenfalls die Sirenenklänge der drei Feuerwehren im Ort vernommen zu haben, denn jeder Ortsteil des Dorfes hat bis heute seine eigene Wehr mit eigener „Feuerwache“: Weßling, Oberpfaffenhofen und Hochstadt. Nun wird kein vernünftiger Mensch die Notwendigkeit einer effizienten Feuerwehr bestreiten, und es kann gar nicht genug gewürdigt werden, dass sich Freiwillige in einem Verein zusammenschließen und im Ernstfall löschen und helfen, wenn es brennt oder wenn wieder ein schwerer Verkehrsunfall passiert ist, zum Beispiel auf der Weßlinger Hauptstraße. Dass es sinnvoll ist, zumindest zwei dieser Wehren in einem Haus gemeinsam unterzubringen, leuchtet – zumindest theoretisch – ein, zumal wenn eines der Häuser renovierungsbedürftig ist. Und so haben Bürgermeister Muther und seine Räte nicht gekleckert, sondern richtig geklotzt und ein neues, viertes Feuerwehrhaus im Ort genehmigt, das ein wenig abgelegen, gerade mitten in ein flugs gerodetes Waldstück vor Oberpfaffenhofen gebaut wird und rund vier Millionen Euro kostet, Grundstücks- und Finanzierungskosten noch gar nicht mit einberechnet.

Nun betreibt meine Frau bekanntlich in der Nähe der Hauptstraße eine Praxis für Allgemeinmedizin in Weßling und ich meinen Verlag. Bei uns gehen Handwerker aus allen Ortsteilen Weßlings aus und ein; fast alle sind Mitglieder einer der drei Feuerwehren. Die Weßlinger Feuerwehrler unter ihnen klagen, dass sie künftig ohnehin bei Einsätzen nicht mehr zum Zuge kommen werden, weil die Einrückstrecke zum neuen, abgelegenen Feuerwehrhaus so weit sei, dass die „Pfarrhofener“ schon vor ihnen da sein werden, die „Pfarrhofener“ Feuerwehrler berichten stolz und ein wenig triumphierend, dass sie künftig vor den Weßlingern da sein würden, wenn es bei uns brenne und dass sie beileibe nicht daran denken würden, ihre Identität als „Feuerwehr Oberpfaffenhofen“ aufzugeben. Deshalb sei auch neulich bei einem ihrer neu angeschafften Feuerwehrautos die Aufschrift „Gemeinde Weßling“ sofort mit dem Schild „Freiwillige Feuerwehr Oberpfaffenhofen“ überklebt worden. Und sie sagen auch noch andere Dinge, die ich an dieser Stelle diskret für mich behalten möchte. Kurzum: Es kann – zumindest für einen unbeteiligten Erzähler – lustig werden, wenn diese beiden freiwilligen Feuerwehren unter verschiedenen Kommandanten in ein gemeinsames Haus einziehen und um die Wette ausrücken …

Vielleicht haben die Sirenenklänge der Feuerwehrleute aus allen Ortsteilen nicht nur den Bürgermeister, sondern auch viele seiner Räte so sehr beschäftigt, bezirzt und abgelenkt, dass man als Bürger allmählich den Eindruck gewinnen könnte, manche Ortspolitiker haben dabei den Blick für den Leidensdruck all jener Menschen im Ort verloren, die an einer der beiden vielbefahrenen Staatsstraßen wohnen, die beispielsweise das Dorf Weßling regelrecht in zwei Teile zerschneiden und ein innerörtliches, entspanntes Verweilen im Ort – und damit ein Dorfleben überhaupt – nahezu unmöglich machen. Ein etwas boshafter Beobachter der Weßlinger Szenerie könnte behaupten, dies habe vielleicht auch damit zu tun, dass die Bürgermeister und ihre Räte zum größeren Teil privat in Anwesen in besserer Lage wohnen, sozusagen eher im Grünen residieren, wo sie nicht allzu viel mitbekommen vom alltäglichen Verkehrslärm und Dreck an den Verkehrsadern des Ortes, unter dem insbesondere die sozial Schwachen und älteren Mitbürger in der Gemeinde leiden.

Fünfundzwanzig Jahre lang kämpfen viele Weßlinger, allen voran Dr. Ludwig Ostermayer vom Verein für Verkehrsberuhigung, um den Bau einer Umgehungsstraße, jetzt ist sie endlich genehmigt und kann sofort gebaut werden, wenn sich die Gemeinde mit 25 Prozent (oder weniger) an den Kosten beteiligt. Aber der Bürgermeister und viele seiner Räte, die in den letzten Jahren für die wohlhabende Gemeinde Weßling etliche Grundstücke und Anwesen aufgekauft haben (und dabei vermutlich eher im Nebeneffekt erhebliche Renditen für den Ort erzielten), tun so, als würde die Welt untergehen, wenn sie maximal 2,7 Millionen Mark in die Zukunft des Ortes investieren sollen.

Als ein vielbeschäftigter Mensch, der seit Jahren seine wenigen Urlaubstage in Weßling oder im Bayerischen Wald verbringt und der – trotz inzwischen weltweiter Einladungen zu Dichtersymposien – seit dem 11. September 2001 kein Flugzeug mehr bestiegen hat und bis heute kein eigenes Auto besitzt, hege ich durchaus Sympathien für grüne Ideen. Aber Die Grünen im Ort differenzieren leider nicht, wenn es um die wirklich zerstörerische Weßlinger Hauptstraße geht, sondern bemühen altbekannte verallgemeinernde Slogans wie „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“. Wohin derartige Schwarz-Weiß-Malereien und ideologische Scheuklappen führen, haben engagierte Leute aus ihrem Umfeld schon des Öfteren demonstriert. Ich bemühe hierzu eine kleine Anekdote. Mitbürger, die mit wachen Augen durch den Ort gehen, mögen selbst entscheiden, ob sie in Weßling spielt oder anderswo: Es sollte einmal ein hoher Mobilfunk-Sendemast circa 1 km vor einem oberbayerischen Dorf, aber noch auf dessen gemeindlichen Fluren, errichtet werden. Da erhob sich ein wilder Proteststurm im Dorf – mit dem Ergebnis, dass heute das Dach eines Gasthofs mitten im Ort einem Stachelschwein gleicht, weil dort ein Mobilfunkmast nach dem anderen in die Höhe sprießt und in alle Richtungen strahlt. Die engagierten Aktivisten hatten es seinerzeit – im Gegensatz zu den Mobilfunkanbietern – offensichtlich versäumt, sich eingehender mit der Baugesetzgebung im Lande zu beschäftigen, die es nämlich Eigentümern erlaubt, ihre Grundstücke bis zu einer bestimmten Höhe weitgehend so zu nutzen, wie sie es gerne möchten. Von den so umtriebigen Aktivisten soll man – zumindest in dieser Sache – seither nichts mehr gehört haben …

Ich lebe mit meiner Familie seit rund 50 Jahren in der Nähe der Hauptstraße. In einem Gedicht von mir („Anhand von dir“) lebt meine geliebte, stark gehbehinderte Urgroßmutter Christine Nemetz wieder auf und zählt den Verkehr auf der Weßlinger Hauptstraße: „Hinter Eis / Blumen fließt der Verkehr. Bis jetzt / Schon einhundertfünfundzwanzig / Autos“. Uroma zählte Anfang der Siebziger Jahre tatsächlich bisweilen den Verkehr in Weßling und damals waren es 120 Autos, die die Hauptstraße an einem Vormittag befuhren. Heute sind es über 20.000 Fahrzeuge am Tag, darunter immer mehr vielachsige Schwerlaster mit Anhängern, hunderte täglich, die mehr durchs Dorf donnern und rumpeln als fahren.  Ich selbst habe zwei Kinder auf dieser Straße sterben sehen, darunter einen Schulkameraden in der Grundschule, als Opfer von Verkehrsunfällen. Mein Kamerad wollte die Hauptstraße überqueren und wurde totgefahren, das andere Opfer war eine Gymnasiastin, die mit dem Fahrrad auf einem Schulausflug des Carl-Spitzweg-Gymnasiums unterwegs war. Ich habe schwerverletzte, blutende Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer auf dieser Straße liegen sehen. Diese Unfälle verfolgen mich bis heute in mache schlechten Träume.

Ich sehe Tag für Tag alte Menschen mit dem Rollator, die mehrere hundert Meter bis zur nächsten Fußgängerampel zurücklegen müssen, sich den Fußgängerweg mit Fahrradfahrern teilen müssen. Bei Regen werden sie patschnass gespritzt von rücksichtslosen Autofahrern, die die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h deutlich überschreiten. Es ist Jahre her, seit ich den letzten kommunalen Verkehrsüberwacher bei einer Geschwindigkeitskontrolle im Ort gesehen habe. Fast scheint es so, als wären die Anwohner der Hauptstraße von einem Großteil des jetzigen Gemeinderats und von den Gemeindeoberhäuptern – mit Ausnahme einiger weniger Kommunalpolitiker im Ort und des CSU-Ortsverbands! – aufgegeben worden. Unser Bürgermeister Muther kandidierte übrigens für die „Freien Wähler“, die oft und gerne mit ihrer „Bürgernähe“ werben.

Bitte machen Sie es wie ich und stimmen Sie am kommenden Sonntag (oder vorher per Briefwahl) mit „Ja“ für die sofortige Realisierung der Umgehungstraße in Weßling. Aus Liebe zu Weßling, aus Verantwortung für die Zukunft des Ortes, aus Solidarität für all unsere Mitbürger in sozial schwachen Verhältnissen, für die alten Menschen und Kinder im Ort, für die Anwohner der Hauptstraße, die sich ein Wohnen in besseren Lagen nicht leisten können und die für uns alle seit Jahren geduldig Lärm, Dreck und Gestank ertragen.

Stillstand in Weßling? Bitte stimmen Sie mit „Ja“ für die sofortige Realisierung der Umgehungstraße in Weßling!
(Bild: Moses Wolff, Paula Vogt und Nadja Gorn beim Außendreh für den Kurzfilm „Seitenwechsel in Weßling“ an der Weßlinger Hauptstraße, http://youtu.be/Dpd4aRw8lpE)

Für mich persönlich und meine Arbeit als Schriftsteller, Herausgeber und Verleger, die Ruhe und höchste Konzentration erfordert, sehe ich in Weßling ohne baldige Verkehrsberuhigung jedenfalls keine Zukunft mehr. Dann kann ja die Gemeinde Weßling einmal mehr von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen und unser Anwesen am Buchenweg erwerben.

Der Honig, den Michael Muther seinerzeit als Kandidat für das Bürgermeisteramt verschenkt hat, ist längst gegessen. Er hat süß geschmeckt, aber heute verspüren manche seiner Wähler einen bitteren Nachgeschmack im Mund.

Glück auf und ein „JA“ für Weßling!

Herzliche Grüße vom Buchenweg,
Anton G. Leitner

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2 Antworten zu Ein „Ja“ für die Zukunft der Gemeinde Weßling

  1. christian engelken schreibt:

    Ich stimme unbedingt mit „JA“ für Weßling!

  2. Uli Kochendörfer schreibt:

    Gut, einleuchtend und gar unterhaltsam verfasst ! Dem ist Nichts hinzuzufügen !

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