Wie wäre es jeweils mit den 12.? Ralph Grüneberger zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Besucherinnen und Besucher,

in der aktuellen Diskussion um Multipreisträger im deutschen Lyrikbetrieb anlässlich der Verleihung des Joachim-Ringelnatz-Preises der Stadt Cuxhaven an die Autorin und Direktorin des Bamberger Künstlerhauses Villa Concordia, Nora Gomringer, meldet sich jetzt auch Ralph Grüneberger, der Vorsitzende der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., in einem Gastkommentar zu Wort. Hintergrundinformationen zu dem gemeinsamen Versuch von Herausgeber Axel Kutsch, Verleger Ralf Liebe und mir, künftig mehr Verteilunsgerechtigkeit bei Preisvergaben einzufordern,  finden Sie etwa bei Deutschlandradio Kultur oder der Rheinischen Post Online.

Wie wäre es jeweils mit den 12.?
Ein Gastbeitrag von Ralph Grüneberger zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb

Ein jeder gerät sofort in den grellen Scheinwerfer der Verdächtigung, neidisch oder missgünstig zu sein, wenn er sich laut über den engen Zirkel des Preiskarussells mokiert. Dabei ist für jeden deutlich zu sehen, wer da auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten wieder und wieder in die Höhe gehoben wird. Und wenn sich das Karussell zu schnell dreht, sieht man als nicht vom Fahrbetrieb Bedachter ohnehin nur noch die immergleichen Gesichter.
Wichtiger ist deshalb, dass die Preisträger, wenn sie mehr oder minder schwindelig ihren Karussellsitz verlassen, rasch wieder festen Boden unter den Füßen spüren und der Gattung Lyrik wirklich nützen wollen.

Mir schwebt schon längere Zeit vor, dass die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, die im Gegensatz zum Münchner Lyrik-Kabinett über kein Stiftungskapital verfügt, das Schreiben von Rezensionen und Essays zur Lyrik fördert und Literaturkritikern (m/w), die sich eben diesem Genre verschrieben haben, über einen gewissen Zeitraum einen kostenfreien Aufenthalt in Leipzig finanziert und dies mit der lockeren Auflage verbindet, sich im Bestand der LEIPZIGER LYRIKBIBLIOTHEK tätig umzusehen. Im Laufe der Zeit könnte so eine vielseitige Aufsatzsammlung entstehen. Veröffentlichungen im Netz und in Literaturzeitschriften könnten diese vorab publik machen.

Nur eben ein solcher Preis hat seinen Preis. Aber wenn ich ins Träumen gerate und mir vorstelle, all diese Branchenprimusse und Mehrfachpreisträgerinnen würden den 12. Teil ihres Zusatzverdienstes abgeben, ließe sich eine Grundlage für das Ausloben eines solchen Preises, der in der hiesigen Preislandschaft seines Gleichen suchen würde, relativ rasch bilden. Warum soll nicht eine gut bezahlte Professorin oder ein doppelverdienender Verlagsleiter oder die festangestellte Direktorin eines Künstlerhauses den 12. Teil seines/ihres Preisgeldes für solch ein Unternehmen spenden, was zudem noch steuerlich absetzbar wäre?

Ja, das sind hochfliegende Träume, die mit der Realität nur wenig zu tun haben. Denn Tatsache ist, dass viele der erfolgreichen und mehrheitlich jungen und jüngeren Autoren (m/w) jene, die sich in ihrer Freizeit dem Sammeln und Verbreiten von zeitgenössischer Lyrik widmen, rasch als Vereinsmeier abtun. Als Honorar- und Publikumsbeschaffer halten sie solche Körperschaften wie Literatur- bzw. Autorenvereine gerade noch für zumutbar. Aber Mitglied werden und mit einem (geringen) Beitrag einen solchen Gemeinnutz regelmäßigen zu unterstützen, das steht meist außerhalb ihres nicht selten elitären und stylischen Blickfelds. Aber vielleicht irre ich mich hier und muss mich korrigieren.

Ralph Grüneberger,
Leipzig im April 2012

Der Lyriker und Herausgeber Ralph Grüneberger ist seit mehr als 15 Jahren Vorsitzender der 1992 unter der Schirmherrschaft von Karl Krolow in Tübingen gegründeten Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig

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