Kein Gras darüber wachsen lassen: Die Diskussion über das Kein-Gedicht von Günter Grass geht munter weiter

Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich würde ich mich jetzt schon viel lieber geistig auf den morgigen Ostersonntag einstimmen, aber die Diskussion um das Kein-Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass treibt mich weiter um, insbesondere weil er heute in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (geführt von Heribert Prantl, der das Ressort Innenpolitik der SZ leitet) einen interessanten poetologischen Satz von sich gab, den ich selbst immer wieder, u. a. in diversen Editorials der Zeitschrift DAS GEDICHT, so oder in ähnlicher Weise geäußert habe: „Lyrik bietet die Möglichkeit, einen komplizierten Sachverhalt auf den Punkt zu bringen. Sie zwingt zu einer Konzentration …“ (O-Ton Grass, vgl. SZ vom 7./8./9. April 2012).

Übrigens hat Grass selbst einmal in einem Brief an DAS GEDICHT (vgl. Ausgabe 5 vom Oktober 1997, S. 87) über die Funktion der Lyrik in seinem Werk geschrieben. Bei ihm sei es „im Laufe der Jahrzehnte bei Gelegenheitsgedichten“ geblieben, „wenngleich bei sich immerfort wandelnder Gelegenheit“. Nach „drei selbständig veröffentlichten Gedichtbänden sind späterhin Gedichte in versammelter Zahl in episch konzipierten Romanen einverleibt worden – etwa in ‚Der Butt’ und ‚Die Rättin’“. „Nichts ungewöhliches“, so Grass weiter in DAS GEDICHT, denn „schon die Barockautoren und Romantiker haben den nur künstlich konstruierten Gegensatz zwischen Prosa und Lyrik auf diese Weise aufgehoben“. Seine „Kurzgedichte“, so Grass damals, seien „gleichermaßen von barocken Lyrikern wie Czepko, Logau, Silesius und vom japanischen Haiku angeregt worden“.

All diese poetologischen Ausführungen und Gedanken von Grass liefern gute Ansatzpunkte in der jetzigen Diskussion um sein jüngstes Werk: Grass sieht einen künstlich konstruierten Gegensatz zwischen Prosa und Lyrik, also die Gattungsgrenzen fließend. Und (guten) Gedichten, da stimme ich ihm voll und ganz zu, gelingt es immer wieder, einen komplexen oder komplizierten Sachverhalt – mit ggf. sogar einfachen Worten – auf den Punkt zu bringen. Dass Gedichte begrifflich nicht vom „verdichten“ abzuleiten sind, sondern vom lateinischen dicere (sprechen / sagen) und deshalb nicht nur die Sprachkonzentration oder -verdichtung, sondern insbesondere Sprachfluss, Klang, Rhythmus und Metrik in der Poesie eine wesentliche Rolle spielen, weiß auch Grass, der heute im SZ-Interview sein jüngstes „Gedicht“ als „rhytmisierte Prosa, die in Gedichtform gebracht wurde“ bezeichnet. Die Behauptung, es handle sich um kein Gedicht, erspare Kritikern seiner Ansicht nach die Auseinandersetzung mit den Fakten und Tatsachen des Gedichts. 

Grass schränkt in dem Interview Pauschalisierungen des umstrittenen Textes ein, bessert nach, statt „Israel“ seien der israelische „Premier Netanjahu, sein Verteidigungs- und sein Außenminister“ gemeint. Die jetzt bei ihm unter öffentlichem Druck einsetzende Präzisierungs- und Nachbesserungsphase hätte vor der Veröffentlichung des Textes einsetzen sollen, denn Genauigkeit im Detail (statt Pauschalisierung) trägt – neben den anderen bereits erwähnten Faktoren – entscheidend zum Gelingen eines Gedichts und seiner Ankunft beim Adressaten bei.

Im Gespräch mit Heribert Prantl erwähnt Günter Grass am Rande, dass die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit den Abdruck einer früheren Fassung seines Gedichts abgelehnt habe, was für die dortige Literaturredaktion und deren Qualitätsmaßstäbe spricht.

In einem neuerlichen Kommentar zur Diskussion um den jüngsten Grass-Text geht SZ-Feuilletonredakteur Thomas Steinfeld ein weiteres Mal auf Distanz dazu, es handle sich dabei um den „in holpernde Verse und willkürlich gesetzte Strophen gekleideten Aufschrei einer zumindest scheinbar gequälten Seele, die Gehör und Anerkennung einfordert“, schließlich billigt er aber Grass noch zu, dass er „vielleicht über persönliche Eitelkeiten hinaus, an den Zauber der Poesie“ glaube.

Vielleicht trifft Steinfeld, der sich, wie zu vermuten ist, als zuständiger Redakteur vorher für den Abdruck des „Gedichts“ in der Süddeutschen Zeitung eingesetzt hatte, damit aber den wirklichen Kern des Problems: Nämlich dass für den alternden Nobelpreisträger Grass bei der Publikation des Textes auch Eitelkeit und der Wunsch, sich mit Macht zurück ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, keine geringe Rolle gespielt haben dürften. Und das Kalkül scheint in dieser Hinsicht aufgegangen zu sein, denn die Werke von Grass haben etwa beim Internetbuchhändler Amazon derzeit blendende Verkaufsränge.

Für mich jedenfalls bleibt bei dieser vorösterlichen Affäre ein bitterer Nachgeschmack. Die Lyrik, soviel scheint sicher, hat nicht gewonnen bei diesem Medienspektakel. Denn während seit Tagen ein schlechtes und höchst peinliches Gedicht bzw. Kein-Gedicht in der öffentlichen Diskussion steht, bleiben viele gelungene Gedichte von wirklichen Lyrikern im Halbschatten der Feuilletons. Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, dass die Süddeutsche Zeitung in ihrer Messebeilage zur Leipziger Buchmesse einen einzigen Gedichtband vorgestellt hätte. Ich sage es noch einmal: Wenn der Feuilleton-Redaktion der SZ wirklich etwas an der Poesie liegt, soll sie wieder Gedichte drucken, und zwar solche, die den Namen „Gedicht“ verdienen. Viele SZ-Leser werden es der Redaktion danken.

Und auch das soll hier klar und deutlich gesagt werden: Ich persönlich kenne keinen Lyrikerkollegen, der etwa die Siedlungspolitik Israels begrüßen, einen Präventivkrieg Israels billigen würde, oder sich über die Lieferung von deutschen U-Booten in eine Krisenregion freut. Genauso wenig, wie sich Lyriker hierzulande, mich eingeschlossen, über einen präsidialen iranischen „Maulhelden“ freuen. Ein Staatschef, der erst vor kurzem im Gespräch mit ZDF-Moderator Klaus Kleber als Holocaust-Leugner deutschen Fernsehzuschauern einen geradezu unterirdischen Einblick in seine unheimliche Gedankenwelt und beschränkte Weltsicht gewährte. Iranische Exil-Autoren wie der in München lebende SAID könnten über die „Kunstfreiheit“ und das „Recht der freien Meinungsäußerung“ im Iran ein Lied singen und ihr Leid darüber klagen. Aber alle diese Ansichten sind, zumindest unter den meisten Intellektuellen hierzulande, selbstverständliche Erkenntnisse, die zur weiteren politischen Erhellung oder gar Aufklärung alles andere benötigen als den literarischen Schnellschuss eines Autors, der sich offensichtlich mit Gewalt zurück ins öffentliche Bewusstsein boxen wollte und sein Forum dafür fand.

Und abschließend gesagt, wenn Grass „30-, 35- und 40-jährigen Journalisten“, die das Glück hatten, „in einer langen Friedensperiode aufzuwachsen“ im heutigen SZ-Interview das Recht abspricht, „über einen Mann, der im Alter von 17-Jahren in die Waffen-SS gezogen wurde“ zu urteilen, dann sei ihm von mir als 50-Jährigen die Frage gestellt, wieso er dann solange über seine SS-Mitgliedschaft geschwiegen hat, sich nicht von Anfang an dazu bekannte, und sogar noch schlimmer, anderen eine solche – von ihm selbst offenbar verdrängte – Zugehörigkeit vorwarf (hat er schon einmal etwas von dem römischen Rechtsgrundsatz „venire cotra factum proprium“ gehört?), und er sei auch daran erinnert, dass beispielsweise die jüngsten Mitglieder der Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ damals nicht viel älter waren als er. Sie haben allerdings für ihre aufrechte Haltung mit dem Leben bezahlt. 

Nichts für ungut also, ich wünsche Ihnen ein friedliches Osterfest 2012, 
wünsche (nicht nur) uns allen einen Friedensprozess im nahen Osten
und ein Nachdenken darüber, wie jeder von uns seinen kleinen praktischen Beitrag dazu leisten kann, denn wenn das die Debatte um das eitle „Kein-Gedicht“ angestossen hat, war sie nicht ganz umsonst …

Mit herzlichen Grüßen aus Weßling
und bis bald an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner

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