Si tacuisses, poeta mansisses! Was zu Günter Grass und seinem jüngsten Gedicht gesagt werden sollte

Liebe Leserinnen und Leser,

heute bedauere ich es fast ein wenig, dass der Jubiläumsblog unserer Zeitschrift DAS GEDICHT, die diesen Herbst mit Band 20 ihren 20. Geburtstag feiert, erst ab 30. Mai 2012 unter der Adresse www.dasgedichtblog.de täglich mit neuen Statements zur Lage der zeitgenössischen Lyrik aufwarten wird. Denn anhand von dem Text „Was gesagt werden muss“ aus der Feder von Günter Grass, der am Mittwoch, den 4. April 2012 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung als „Gedicht“ abgedruckt war, ließe sich trefflich darlegen, was ein Gedicht ausmacht und was nicht.

Nachdem ich beim morgendlichen Frühstück besagtes „Gedicht“ von Grass zum ersten Mal gelesen hatte, setzte ich mich an meinen Computer und postete auf Facebook dazu nur vier lateinische Worte: „Si tacuisses, poeta mansisses!“ (wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du ein Dichter geblieben). Ich kommentierte die vier lateinischen Worte etwas später mit dem Hinweis, dass es mich nicht generell stört, wenn ein Gedicht provoziert oder ein tagespolitisches Ereignis den Schreibanlass dafür gebildet hat. Die Tatsache, dass im Nahen Osten, insbesondere in Israel oder im Iran, nicht alles politisch so läuft, wie es sich selbsternannte Gutmenschen oder Muster-Demokraten – ich vermeide aus guten Gründen die Terminologie „lupenreine Demokraten“ – wünschen, ist im Übrigen keine bahnbrechende Erkenntnis. Wobei ich selbst, auch das möchte ich hier nicht verschweigen, wesentlich lieber in Israel leben und publizistisch arbeiten würde als unter den gegenwärtigen Machthabern im Iran.

Was mich am bezeichneten Grass-Text, einmal vom Inhalt ganz abgesehen, sofort störte, war, dass hier vom Autor und der Redaktion ein Text als Gedicht ausgegeben wird, der (bis auf den nicht motiviert wirkenden Zeilenbruch) keinerlei gattungsspezifische Merkmale aufweist. Es handelt sich dabei um eine pamphletähnliche schriftliche Meinungsäußerung von Grass mit deutlich erkennbarem Schnellschusscharakter, also um halbgare Tagesprosa, die offensichtlich durch willkürlich anmutenden Einsatz von Zeilenbrüchen optisch zum Gedicht erhöht werden sollte.

„Da hätte es doch in der SZ-Redaktion jemand geben müssen, der Günter Grass vor der Veröffentlichung eines literarisch so schlechten Textes vorbeugend schützt“, schrieb ich weiter auf Facebook. Entweder hätte man von Seiten der Redaktion dem Autor das Gedicht zurückreichen können, mit dem Verweis, er solle es überarbeiten oder lektorieren lassen. Oder aber man hätte besser den Druck des Textes ganz ablehnen müssen, um nicht den Ruf seines Verfassers (und der Redaktion selbst) zu beschädigen. Wenn ein anderer Name als Grass über diesem Text gestanden hätte, hätte die SZ-Redaktion „Was gesagt werden muss“ garantiert nicht abgedruckt.

Aufgrund der zu erwartenden Publicity entschied man sich leider dafür, dem in die Jahre gekommenen (Dynamit-)Nobelpreisträger ein Premium-Forum für seinen pseudolyrischen Striptease zu bieten. Man favorisierte also den inszenierten Skandal, die Quote, und ließ die Binsenweisheit außer Acht, dass auch ein berühmter Name oder eine hohe Auszeichnung nicht vor mangelnder Qualität sowie Torheit schützen.

Fast noch seltsamer als diese poetische Bankrotterklärung von Grass fand ich den Artikel „Dichten und meinen“, mit dem SZ-Redakteur Thomas Steinfeld einen Tag später zurückruderte und sich halb von Grass distanzierte. Steinfelds Formulierungen bringen uns im Hinblick auf eine noch zu führende Diskussion „Was macht heute ein gutes Gedicht aus“ nicht wirklich weiter. „Nicht alle Gedichte von Günter Grass sind wirklich Gedichte“ schreibt er etwa, um dann dessen „späte“ Gedichte ins Visier zu nehmen, die – man höre und staune! – nicht mehr dem „Genre“ (Lyrik) angehörten: „In Wahrheit sind sie Leserbriefe, Beschwerden, Zeitungsartikel oder Plädoyers, die nicht zu der ihnen gemäßen Form gefunden haben. Das gilt auch für die Verse, die unter dem Titel ‚Was gesagt werden muss’ auf der ersten Seite des SZ-Feuilletons abgedruckt wurden“.

Warum, so fragt man sich verwundert, hat die SZ den Leserbrief von Grass dann nicht auf ihrer Leserbriefseite untergebracht, wo er auch hingehört hätte, sondern als Mogelpackung „Gedicht“ ihren Lesern bestplatziert im Feuilleton vorgesetzt. Thomas Steinfeld geht anschließend noch ins Detail, beginnt einzelne besonders krasse Verse von Grass zu sezieren, um exakt zu meiner Erkenntnis zu gelangen, nämlich: „lyrisch sind an diesem Satz allein die willkürlichen Zeilenbrüche“. Und am Ende kommt Steinfeld sogar noch auf die inhaltlichen Irrungen und Verwirrungen von Günter Grass zu sprechen: „Günter Grass irrt, nicht immer, aber immer wieder“.

Ist doch irre, könnte man meinen, und als Herausgeber und Verleger der Zeitschrift DAS GEDICHT eine Empfehlung an die SZ-Redaktion aussprechen, nämlich umgehend wieder im SZ-Feuilleton die eingestellte Kolumne von Joachim Sartorius „Nachrichten von der Poesie“ aufleben zu lassen. Da erschienen nämlich – begleitet von sachkundigen Ausführungen von Sartorius – Gedichte, die allen Erfordernissen der Gattung gerecht wurden und nicht falsche Gedichte wie das jüngste Grass-Elaborat, dass weder für ihn, noch für die Süddeutsche Zeitung noch für die lyrische Gattung selbst als Schmuckstück dienen kann. Dass aus dem Iran Jubel für diesen „finalen lyrischen Schlag“ von Grass dringt und auch extrem rechte Kreise Beifall spenden, spricht für sich und gegen den verhinderten Lyriker.

Der bizarre Hausbesuch von Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow bei Grass, gestern Abend über fünf Minuten lang ausgestrahlt in den ARD-tagesthemen, war leider eine vertane Chance, den Menschen im Lande etwas von dem Begeisterungspotential zu vermitteln, das gute Gedichte in sich bergen. Ein starrsinnig wirkender Günter Grass, der sich jetzt selbst zum Opfer „gleichgeschalteter Medien“ hochstilisiert, sich voller Selbstmitleid am Pranger sieht und als oberste moralische Instanz (unter Verdrängung der eigenen Vergangenheit) geriert, begeistert zugegebenermaßen wenig, im Gegenteil.

Man würde Günter Grass von Herzen die späte Gnade gönnen, sich einmal selbst kritisch im Spiegel zu betrachten und dabei über das eigene moralinsaure, klischeehafte Dichtergehabe mit dem erhobenen Zeigefinger zu lachen. Weil er sich aber nach wie vor selbst so unermesslich ernst nimmt, bleibt ein unfreiwillig komisches, wenn nicht sogar mitleiderregendes Altersbild von ihm. Hätte er doch lieber länger an dem Text gefeilt, als vorschnell die Öffentlichkeit zu suchen, oder noch besser, denselben gleich im Papierkorb verschwinden lassen, Grass wäre uns vielleicht als Dichter in besserer Erinnerung geblieben.

Nichts für ungut, aber was gesagt werden muss, muss gesagt werden. Oder nicht?

Mit freundlichen Grüßen aus Weßling,
und bis bald an dieser Stelle,
Anton G. Leitner

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