Zum Tod von Wislawa Szymborska

Liebe Leserinnen und Leser,

die polnische Lyrikerin und Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ist gestern gestorben. Bis zuletzt soll die 88-Jährige noch an neuen Gedichten gearbeitet haben. Ich habe ihre Gedichte sehr geschätzt. Szymborska ist in allen drei bibliophilen Anthologien der Weltlyrik vertreten, die ich für die edition Chrismon ediert habe. Mit ihrem Gedicht „Das kurze Leben unserer Ahnen“ in „Mutters Hände Vaters Herz. Familiengedichte aus 2500 Jahren“ (2007), mit dem Gedicht „Vier Uhr am Morgen“ in „Im Ursprung ein Ei sprang. Gedichte vom Werden und Vergehen“ (2008) und mit dem Gedicht „Danksagung“ in „Ohne dich bin ich nicht ich. Poesie in jeder Beziehung“ (2008). Die Welt verliert mit Wislawa Szymborska eine große lyrische Stimme. Ihre Gedichte bleiben lebendig.

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Eine Antwort zu Zum Tod von Wislawa Szymborska

  1. Paul Pfeffer schreibt:

    Besuch von Wislawa

    „Es ist ein großes Glück, nicht genau zu wissen, in welcher Welt man lebt“, sagt Wislawa, beugt sich vor und nippt vorsichtig an ihrem Tee. Er ist noch etwas zu heiß, ich habe ihn gerade eingegossen. Die Szymborska kommt von Zeit zu Zeit auf eine Tasse Tee vorbei, wenn sie eine Schreibpause braucht. Wir unterhalten uns gewöhnlich über dies und das. Dabei hat sie so eine Art, manchmal Sätze einzustreuen, die wahnsinnig bedeutungsschwanger klingen. Sie kann aber nichts dafür, sie ist Lyrikerin.
    Ich werfe ihr einen raschen Seitenblick zu und beschließe, eine Weile verstreichen zu lassen, bevor ich eine meiner schlichten Fragen stelle. Schlichte Fragen, so pflegt sie nämlich meine Einlassungen zu nennen, die mit schöner Regelmäßigkeit auf ihre bedeutungsschweren Sätze folgen. Jetzt ist wieder so eine Situation. Was soll ich machen? Mir fallen nun mal nur schlichte Fragen ein.
    „Wie meinst du das?“
    Diesmal schaut sie mich besonders missbilligend an. Völlig klar, dass diese Frage mehr als schlicht ist. Sie fährt sich kurz mit der Zungenspitze über die Lippen, was sie immer tut, wenn sie zu einer längeren Erklärung ansetzt. Ich will aber gar keine längere Erklärung hören, deshalb schiebe ich nach:
    „Ich meine, wir leben doch in dieser Welt hier, die um uns herum ist. Oder gibt’s etwa noch eine andere?“
    Jetzt wird ihr Blick geradezu mitleidig.
    „Ach, mein Lieber“, sagt sie mild, „so schlicht wie du möchte ich auch mal sein. Du schaffst dir einfach Gewissheit, indem du eine andere Möglichkeit als diese Welt um uns herum noch nicht mal denkst.“
    „Sollte ich das?“
    „Ja, solltest du, damit du mal auf andere Gedanken kommst. Deine führst du immer in demselben Käfig spazieren.“
    „Aber ich merke gar nicht, dass es ein Käfig ist.“
    „Genau, das ist es ja. Du merkst es noch nicht mal. Das kommt von deinem bedauerlichen Mangel an Fantasie.“
    Wislawa gerät langsam in Fahrt. Sie blinkert mich mit ihren hellgrauen Scheinwerfern streitlustig an.
    „Ach so“, sage ich, „du meinst Fantasiewelten. Sag das doch gleich. Davon gibt’s natürlich eine ganze Menge, sogar in meinem Kopf.“
    Ich merke sofort, dass es unklug von mir gewesen ist, das zu sagen. Damit ist quasi die Luft raus. Ich habe ihr eigentlich gar nicht so früh zustimmen wollen, aber es ist mir so herausgerutscht. Natürlich meint sie Fantasiewelten, was sonst? Sie ist halt eine Dichterin. Aber ich hätte sie noch etwas hinhalten sollen. Eigentlich liebe ich es, wenn sie sich erregt und mir etwas erklären will, was ich schon weiß. Ich finde sie dann viel attraktiver als sonst, ihre Wangen röten sich und ihre Bewegungen werden elegant und raumgreifend. Vor allem mag ich das Blitzen ihrer Augen, wenn sie richtig in Fahrt kommt.
    „Na also“, sagt sie mütterlich, „mir scheint, du fängst langsam an zu verstehen.“
    „Unterschätz mich nicht, Wislawa!“, sage ich so beiläufig wie möglich. Sie zieht eine Braue hoch und schaut mich aufmerksam an. Der Ton ist ihr neu. Wir schweigen eine Weile.
    „Da ist noch etwas“, sage ich. „Du hast gesagt, dass es ein Glück sei, dass wir nicht so genau wüssten, in welcher Welt wir leben.“
    „Ja, habe ich gesagt.“
    „Sogar ein großes Glück.“
    „Ja, sogar ein großes.“
    Ich lasse zwei Sekunden verstreichen. Wegen des Effektes.
    „Was meinst du damit?“
    Darauf wirft mir die Szymborska einen derart stacheligen Blick zu, dass ich mich schleunigst in die Küche verziehe, um zwei Stücke von meinem selbstgebackenen gedeckten Apfelkuchen zu holen, den sie so liebt.

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