Hohle Nüsse und junge Milde. Axel Kutsch zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Besucherinnen und Besucher,

es brodelt und gärt derzeit heftig hinter den Kulissen des hiesigen Literaturbetriebs, denn die dort schon jahrelang herrschende Praxis, dass immer mehr staatliche und halbstaatliche Fördermittel von offensichtlich überforderten Juroren auf einen winzigen Kreis von intern bestens vernetzten Autoren (nicht selten aus gutem, einschlägig bekanntem Elternhause) verteilt werden, verstärkt sich in einem Umfang, der an Nepotismus grenzt. Fast wäre man geneigt, von griechischen Verhältnissen zu sprechen. Denn in Griechenland regieren inzwischen seit mehreren Generationen die selben Familien  – und wohin sie das dortige Gemeinwesen gebracht haben, erfahren gerade schmerzlich wir Steuerzahler im restlichen Europa, die stets für solche Miss- und Vetternwirtschaft die Zeche zahlen müssen.

Meinem Kölner Herausgeberkollegen Axel Kutsch, der mit einer ganzen Serie von Anthologien insbesondere der lyrischen Basis im deutschsprachigen Raum ein Forum geschaffen hat (zuletzt „Versnetze_vier“), ist der Kragen geplatzt. In einem Gastkommentar, den ich Ihnen auf meinem Blog vorstelle, macht er seinem berechtigten Zorn Luft. Und beginnt damit eine längst überfällige Diskussion, in der sicher auch bald konkrete Namen fallen und weitere Hintergründe offengelegt werden. Vielleicht geschieht dann doch einmal ein Wunder, und die Kulturverantwortlichen in den staatlichen Aufsichtsgremien erwachen und sorgen (z. B. duch Berufung neuer Juroren wie Axel Kutsch) dafür, dass ihre Kulturfüllhorne und Fördertöpfe mit mehr Mut ausgeschüttet werden.

VIEL SAFT UND WENIG WÜRZE
Ein Gastbeitrag von Axel Kutsch zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb

In seinem 576 Seiten umfassenden Band „Textleben“ mit gesammelten Aufsätzen und Reden, der jetzt bei S. Fischer erschienen ist, geizt der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Michael Lentz nicht mit Kritik an unserer zeitgenössischen Lyrik. Sie gipfelt in seinem Rundumschlag, daß die meisten heutigen Autoren „enttäuschend hohle Nüsse“ seien. Äußert sich hier ein wirklicher Kenner der Szene oder wütet nur ein Berserker, dem die Lust an der Provokation zu Kopf gestiegen ist?

Wenn ich an die zahlreichen deutschsprachigen Gedichtbände vor allem neuerer Autoren und mehrere Anthologien denke, die ich in letzter Zeit gelesen habe, sind mir eigentlich wenig „hohle Nüsse“ unter die Augen gekommen. Allerdings ist in der jungen Generation auch kaum Aufregendes in Sicht, wie wir es beispielsweise aus den neunziger Jahren von Marcel Beyer, Durs Grünbein oder Thomas Kling kennen. Eine Autorin bemühte vor kurzem im Hinblick auf neue Lyriker die reichlich abgegriffene Floskel „junge Wilde“. Ist es nicht eher angebracht, von jungen Milden zu sprechen?

Ob wild oder mild, enttäuschend hohle Nüsse muß man heute – jedenfalls in der literarisch relevanten Nische unserer Poesie – mit der Lupe suchen. Hohl ist eher in weiten Teilen der von einem Insider der deutschen Lyrikszene so bezeichnete „Saftbetrieb“. Es erinnert fast schon an absurdes Theater, wenn eine mittelmäßige jüngere Poetin mit guten Beziehungen in diesem ach so menschelnden Betrieb innerhalb kurzer Zeit über ein Dutzend Preise und Stipendien einheimst und ein wenig älterer Kollege von ihr, dessen Lyrik allerdings das Mittelmaß übersteigt, in einem guten Jahrzehnt 25mal die Freuden öffentlicher Ehrungen genießen darf. Der beide weit überragende Thomas Kling hat gerade mal neun Preise erhalten.

Offenbar dreht sich heutzutage das Preiskarussell immer schneller, sobald ein Autor einmal mit einer nennenswerten literarischen Auszeichnung bedacht worden ist. Die Vermutung liegt nahe, daß sich so manches Jurymitglied konformistisch an der Auswahl vorheriger Gremien orientiert, um so scheinbar auf Nummer sicher zu gehen. Und mitunter läuft es wohl auch wie geschmiert, wenn die eine oder andere gute Beziehung vorhanden ist. Viel Saft im Betrieb, wenig Würze.

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