Nobelpreis für Literatur 2011 an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer

Mit dem schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer erhält einer der ganz großen Vertreter unserer Zunft den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Ich schätze seit jeher seine klare, kristalline Sprache.

Selten war ich mit einer Entscheidung des Nobelpreiskomitees so zufrieden. Herzlichen Glückwunsch an den großen Kollegen, der tapfer seiner Krankheit trotzt. Auch wenn mancher ignorante Kritiker hierzulande Tranströmers leise lyrische Stimme überhört haben mag: Ohne sie wäre die internationale Poesie, unsere Welt ärmer.

Zur Ehre des großen schwedischen Dichters stelle ich Ihnen anbei noch einmal die Kritik von Nico Bleutge zu Tranströmers Gedichtband „Das große Rätsel“ vor, die in unserer Zeitschrift DAS GEDICHT Bd. 14 im Jahr 2006 erschienen ist (vg. DG 14, S. 148 f.):

Tomas Tranströmer: DAS GROSSE RÄTSEL. GEDICHTE.
Schwedisch – Deutsch. Aus dem Schwedischen übertragen von Hanns Grössel.
Carl Hanser Verlag (Edition Akzente), München und Wien 2005. 79 Seiten, € 12,90

Nico Bleutge – Der Schwede Tomas Tranströmer ist ein Jongleur des kunstvollen Einstiegs. Sein Gedichtband „Das große Rätsel“, ein gleichermaßen luftiges wie fein gebautes Buch, beginnt mit einer Häutung: „Am Ende des Weges seh ich die Macht / und sie ähnelt einer Zwiebel / mit überlappenden Gesichtern / die eins nach dem anderen abgehn …“. Manchmal bedarf es nur eines einzigen Verses, schon stehen die Gedichte weich und selbstversunken da. Die Bilder wirken hier oft, als wären ihre Ränder durchsichtig. Und stets gibt es Geräusche zwischen den Zeilen, dunkle Räume oder Bewegungen, die im Offenen enden. Es ist vielleicht jenes „Dröhnen“, „Rollen“ und „Sich-Wälzen“, das Tranströmer schon in seinem Debüt beschworen hat. Die „17 Gedichte“, 1954 erschienen, zeigten den Dichter gleich in all seinem Können. Jene andere Welt, von der diese Gedichte träumen, ist niemals zu erreichen. Aber für Momente wird sie in den Bildern eines Haikus spürbar: „Ein Paar Libellen, / ineinander verhakt, / schwirrte vorbei“.
5-7-5 lautet die Zauberformel des Haikus, siebzehn Silben für gerade einmal drei Zeilen. Wer sich je an dieser Kunst versucht hat, der weiß, wie teuflisch schwer es sein kann, das Momenthafte und die Dauer auf der kurzen Strecke zu verbinden. Tranströmer vermag es auch im Band Das große Rätsel. Der Übersetzer Hanns Grössel hat sich gegen die strenge Übertragung der Silbenzahl entschieden. Diese kleine Freiheit erlaubt es ihm, die fransigen Ränder von Tranströmers Bildern umso genauer im Deutschen nachzuformen. Und so öffnen sich die Bilder immer wieder für die aufblitzenden Erscheinungen einer anderen Welt: „Hier ist ein dunkles Bild. / Übermalte Armut, / Blumen in Häftlingskluft“.

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