Pater Georg Maria Roers wird als Münchner Künstlerseelsorger verabschiedet

Liebe Leserinnen und Leser,

"Wo sind wir auf der Strecke geblieben. Gedichte von Georg Maria Roers", erschienen im Verlag St. Michaelsbund

in der Süddeutschen Zeitungvom 13. Juli 2011 ist der Münchner Künstlerseelsorger Pater Georg Maria Roers SJ portraitiert („Jesus und die Bilder“), der nach zehn Jahren leider aus seinem Amt scheidet und eine klaffende Lücke für uns Münchner Künstler hinterlässt. Anlässlich seiner heutigen Verabschiedung (Gottesdienst um 18 Uhr in der Münchner Asamkirche) möchte ich Ihnen meinen eigenen Eindruck schildern, den ich in jahrelanger freundschaftlicher Zusammenarbeit mit Georg Maria Roers gewonnen habe.

Georg Maria Roers hat mich gebeten, für seinen neuen Gedichtband „Wo sind wir auf der Strecke geblieben“ das Nachwort zu verfassen. Unter dem Titel „Strecke machen mit dem Dichterpater“ habe ich mich mit seiner dichterischen Arbeit auseinandergesetzt, die eng mit seinem Amt als Münchner Künstlerseelsorger verknüpft ist. Ich stelle Ihnen nachfolgend einen Auszug aus diesem Nachwort online. Das ganze Buch ist im Juli 2011 im Verlag Sankt Michaelsbund (München) erschienen und ich empfehle Ihnen die Lektüre herzlich, denn sie lohnt sich.

Pater Georg Maria Roers SJ

“Pater Georg Maria Roers SJ war von 2001 bis zum Sommer 2011 leitender Künstlerseelsorger im Erzbistum München und Freising. Er hat diese Jahre kreativ genutzt, um all jene Künstler mit geistlichem Rat und praktischer Tat zu begleiten, für die ihre schöpferische Betätigung existentiell ist, also den Mittelpunkt ihrer Arbeit, ihres Ein- und Auskommens, ja, ihres Lebens bildet. Die Künstler spürten, dass sich dieser Mann, ein Seelsorger im buchstäblichen Sinne des Wortes, für sie und ihr Schaffen wirklich interessiert. Beherzt besuchte er ihre Ateliers und Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen. Als aufmerksamer Zuhörer begleitete er ihr Schaffen, las ihre Bücher, hörte ihre CDs, schaute ihre DVDs und Videoclips. Ganze Wochenenden lang diskutierte er mit den Künstlerinnen und Künstlern, teilte ihr Leben und ihre Arbeit, ihre Sorgen und Nöte. Er feierte mit ihnen, organisierte gemeinsame Veranstaltungen, und fühlte mit, wenn etwas in der Luft lag. Pater Roers half diskret, wo er nur konnte und brachte viele der Künstler wieder in Kontakt mit der Kirche – einer Institution, in der sich die meisten von ihnen zuvor wie einsame, verlorene Schafe gefühlt hatten.

Einerseits mag Georg Maria Roers durch seine offene, unvoreingenommene Art und sensible Grundhaltung in nicht wenige Werke der zeitgenössischen Kunst hineingewirkt und -gestrahlt haben. Anderseits hat aber auch die Arbeit seiner künstlerischen Weggefährten sein eigenes dichterisches Schaffen erkennbar befruchtet. Als Künstlerseelsorger war Roers mitunter Anfeindungen und Aufregungen ausgesetzt, denn er übte sein Amt ohne Ansehen der Person und ohne vorauseilende Rücksichtnahme aus. Er legte im Rahmen seiner Tätigkeit stets strenge künstlerische Qualitätskriterien an. Künstlern, deren Arbeiten ihn überzeugten, stärkte er öffentlich den Rücken, wenn sie angegriffen wurden. Roers scheute sich nicht, auch gegenüber Politikern Klartext zu reden, die sich an diversen Attacken beteiligten. Auch solche schmerzlichen Erfahrungen haben wohl mit dazu beigetragen, sein Profil als Lyriker weiter zu schärfen und neue Themenhorizonte zu erschließen. Die Verse von Georg Maria Roers sind freier, frecher geworden, bisweilen geben sie sich sogar angriffslustig, aber stets trägt sie jener charmante, melancholische niederrheinische Grundton und Humor, der auch das Wesen und Werk eines Landsmannes von ihm prägte, den er sehr schätzt, nämlich des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005).

Jeder Künstler gibt mit seiner Arbeit, wenn sie authentisch ist, auch einen Teil seines eigenen Lebens preis. „Kunst = Kapital“, so lautet eine einfache Gleichung von Joseph Beuys. Dieser große Künstler vom Niederrhein hat nicht nur die Kunstgeschichte verändert, sondern auch die literarische Reifung des Lyrikers Georg Maria Roers nachhaltig geprägt. Roers hat das Credo von Beuys durch und durch verinnerlicht. „Ohne Kunst stirbt eine Gesellschaft und auch eine Institution wie die Kirche unweigerlich den Kältetod“, sagt er. Und während Beuys in vielen seiner Objekte Fett und Filz einsetzte, um Wärme zu spenden, plädiert Roers in sympathischer Weise für mehr Gelassenheit in der Kirche: „Zwischen die beiden / Ludwigskirchenkreuze // eine gemütliche / Hängematte spannen // zwischen zwei Kirchtürmen / hin- und herzuschwanken / […] von Himmel und Erde / ganz umgeben zu sein // ohne das Sicherheitsnetz / von heillosen Gesetzen.“

Im Titelgedicht der Sammlung „Wo sind wir auf der Strecke geblieben“ heißt es im letzten Vers: „halbe Sachen sind deine Sache nicht“. Als Münchner Künstlerseelsorger hat Roers eindrucksvoll bewiesen und vorgelebt, dass halbe Sachen auch im wirklichen Leben seine Sache nicht sind, denn er ist aufs Ganze gegangen. Wer nichts riskiert, gewinnt nichts und bleibt auf der Strecke. Im realen Leben wie in der Poesie. Und weil Georg Maria Roers auch in seiner Lyrik bislang aufs Ganze gegangen ist und weiter aufs Ganze gehen wird, wird er noch große und weite Strecken überwinden: als Geistlicher und als Dichter.
Wir dürfen ihn weiter auf seiner Strecke begleiten, so wie er ein Jahrzehnt lang unseren Weg als Seelsorger und Künstlerfreund mitgegangen ist und zwar in guten wie in schlechten Zeiten. Nicht nur zwischen den beiden Ludwigskirchenkreuzen wird für ihn in München immer eine Hängematte aufgespannt bleiben.“

Abschließend erteile ich dem Dichterpater noch selbst das Wort. Heute ging auf meinem YouTube-Lyrikkanal „dasgedichtclip“ ein poetischer Clip mit ihm online. Er rezitiert ein Gedicht aus seinem neuen Lyrikband:

Georg Maria Roers: Para dies und das. Live-Lesung, Weßling / Hochstadt 2011

Ich hoffe, dass Pater Roers eine neue Aufgabe übertragen bekommt, in der er ähnlich lebendig wirken kann, wie er es für uns Künstler in München getan hat.

Mit herzlichen Grüßen
Anton G. Leitner

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