„Warum sagt Herr Kunstminister a. D. nicht, wo ihn der Versfuß drückt?“ – Ralph Grüneberger zum „Kreuzzug gegen moderne Lyrik“

Liebe Besucherinnen und Besucher,

zunächst wünsche ich Ihnen aus dem verschneiten Weßling ein gesundes und glückliches Jahr 2011, voller Poesie.

Heute erreichte mich eine Stellungnahme des Leipziger Lyrikers Ralph Grüneberger zu den grotesken Vorgängen rund um meine Anthologie „Die Hoffnung fährt schwarz“. Grüneberger ist Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (GZL) und selbst als Autor in der Sammlung vertreten, die zum 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT)  erschienen ist.

Bekanntlich hatten einige erzkonservative Katholiken aus Bayern vor allem katholische Bischöfe, aber auch politische Würdenträger mit einer Flut von Protestschreiben und Schmähschriften gegen meine Kirchentags-Anthologie und meine künstlerische Arbeit überzogen. Viele dieser Briefe – aus der Feder immer derselben Verfasser – tragen diffamierende Züge und verwenden teilweise bedenkliches Schmäh-Vokabular aus finsteren Bildersturmzeiten.

Grüneberger bezieht sich in seinem Gastkommentar auf Äußerungen des ehemaligen bayerischen Kunstministers Dr. Thomas Goppel im Bayerischen Rundfunk (BR). In der „Bayernchronik“ vom 4. Dezember 2010 („Kulturkampf unter Katholiken – Wie fromm müssen christliche Schriftsteller in Bayern sein?“) hatte Goppel, an den manche der denunziatorischen Schreiben nachrichtlich mitadressiert waren, die Anthologie als „platt“ bezeichnet, u. a. weil in keinem einzigen Gedicht der Sammlung das Wort „Kirche“ vorkomme. Goppel, Sohn des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU), sitzt bis heute für die CSU im bayerischen Landtag und leitet den CSU-Arbeitskreis „ChristSoziale Katholiken“ (CSK).

Bevor wir damit beginnen, im Jahr 2011 neue lyrische Felder zu bestellen, veröffentliche ich an dieser Stelle noch Ralph Grünebergers Gastkommentar:

Die Zurückhaltung gebietet es, dass ich mich, als einer der Beiträger, zu diesem Band nicht äußere. Aber warum eigentlich? Bin ich nicht gleichzeitig auch Leser – und zudem von der Profession her Literaturkritiker? Würde ein Zulieferer in der Automobilbranche Schelte beziehen, wenn er, der die Sitze liefert, das Fahrwerk einschätzt? Ich denke, dieses Beispiel zeigt, dass es durchaus gerechtfertigt ist, einem Verbandsvorsitzenden Christsozialer Katholiken zu begegnen, der Literatur als „überflüssig“ bezeichnet und als „platt“ und „flach“ als bewerte er Eierkuchen. Natürlich kann ich ein gleiches tun und den Äußerungen des Herrn Goppel dieselben Adjektive anheften. Doch wer, wie er, die „Qualitätsansprüche“ eines Kirchentags aufruft, hat das Handwerk der Verbotsmühlen gelernt. Wer, wie ich, in der DDR aufgewachsen ist und sechs Jahre den Vertrag über einen Lyrikband in der Tasche hatte, aber nicht den Lyrikband, weiß, wovon er redet.

Warum sagt der Herr Kunstminister a. D. nicht, wo ihn der Versfuß drückt? Das Titelgedicht von Kerstin Hensel als Teil eines Gedichtdoppels kann es ja wohl nicht sein. Sie, die Hoffnung, „weiß nicht / Wo steigt sie aus“, denn sie ist offenbar allerorten vonnöten. Etwas, was wohl jeden Christenmenschen betroffen machen sollte. Wie leicht dagegen kommt das Bild von den „viel zu leichten / Anziehsachen“ (Walle Sayer) daher. Hoffnung gibt auch Siegfried Völlger: „die niedertracht / wird niemals siegen“. Ein Requiem freilich, wie das von Franzobel, ist eine Offenbarung, kein Hymnus. Dass niemand die „Bircher […] verbrenna“ hofft der Dichter natürlich, auch wenn er seinen Leib her gibt, „Zum Zerschnipseln in irgend so a Anatomie“ […] „wenns an Nutzen hat“. Und macht das nicht Hoffnung, wenn wir Fähigkeiten haben wie sie Fitzgerald Kusz formuliert: „houi manchmall des gefühl / dassi de erdn bewechd“?

Danke, Anton G. Leitner, nichts ist in Ordnung, aber das Gedicht hat seine eigene.

Ralph Grüneberger
Leipzig, den 1. Januar 2011

Foto: Ralf Julke

Ralph Grünebergers aktueller Band: „Wunder ganz in der Nähe. Ein deutsch-deutscher Gedichtdialog” im Hörwerk Leipzig; eine Hörprobe finden Sie bei Hörwerk Leipzig

Ein deutsch-deutscher GedichtdialogEin deutsch-deutscher Gedichtdialog
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