Ein bayerisches Soufflée à la „Ois is easy“

 

Liebe Besucherinnen und Besucher,

ich melde mich heute aus Schloss Hirschberg im Altmühltal, wo ich im Rahmen der 75. Jahreskurse des Sankt Michaelsbundes einen Vortrag mit dem Titel „Lust auf Lyrik: Lyrische Leckerbissen oder Wie gute Gedichte das Leben versüßen“ halte. Ich darf dort den aus ganz Bayern angereisten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren neben poetischen Rezepten auch noch ein ausgiebiges Versmenü servieren. Natürlich treffe ich auf Schloss Hirschberg alte lyrische Weggefährten und Freunde wie den Ihnen allen bekannten Dichter Said. Mein Versmenü auf Hirschberg wird ergänzt um einen eigenen 15-minütigen Film mit Lyrikclips, den der Münchner Filmemacher Richard Westermaier für diesen Zweck zusammengestellt hat.

Dr. Erich Jooß (Sankt Michaelsbund) leitet am 23. Juli 2010 auf Schloss Hirschberg zum Vortrag von Anton G. Leitner über

Anton G. Leitner am Rednerpult von Schloss Hirschberg

Westermaier wird übrigens am morgigen Montag selbst nach Hirschberg kommen, um dort mit der eigens aus Verl angereisten Lyrikerin Franziska Röchter neue Lyrikclips für unseren YouTube-Kanal „dasgedichtclip“ zu drehen.

Bevor ich wieder in die Tagung eintauche, wollte ich Ihnen, passend zu den Jahreskursen auf Schloss Hirschberg, an dieser Stelle noch ein bayerisches Soufflée à la „Ois is easy“ servieren. Ich möchte dabei auf meine jüngste Neuerscheinung eingehen. Sie ist vor wenigen Tagen im Verlag Sankt Michaelsbund erschienen und versucht jenes legendäre „Bayernbuch“ lyrisch fortzuschreiben, das 1913, also vor fast 100 Jahren, Ludwig Thoma und Georg Queri zusammen herausgegeben haben. Meine Sammlung mit zeitgenössischen Gedichten aus Bayern trägt den Titel „Ois is easy“.

Anton G. Leitner (Hrsg.): Ois is easy. Gedichte aus Bayern

Sie werden sich vielleicht fragen, warum eine Sammlung, die Bayern im Spiegel der Poesie abzubilden versucht, „Ois is easy“ heißt.
Mitte der 80er Jahre sprang mich in unserer Tageszeitung eine Schlagzeile an: „Ois is easy“. Es war ein heißer Junitag. Weiße Schafswolken zogen am blauen Himmel vorbei, eine Föhnbrise streichelte die Haut und am Horizont zeichneten sich die Berge als gezackte Silhouette eines riesigen Gebisses ab. Dieser Tag war zu schön, um ihn im altehrwürdigen Auditorium Maximum der Ludwig-Maximilians-Universität abzusitzen, wo es mehr nach Bohnerwachs als nach Frühsommer roch. Mit „Ois is easy“ gab ich mir die Sporen und eilte vom Audimax direkt zum Isarstrand: Vorbei an Eisverkäufern, Eisbachsurfern und Sonnenanbetern, die ihre nackten Körper ganz der Bräunung hingaben. Grillen und Chillen mitten in der Stadt, während andere im Büro sitzen, sich erhitzen und schwitzen. Dieser Junitag inspirierte mich zu meinem Gedicht „Isarsommer“, in dem „Ois is easy“ einen Schlüssel-Vers darstellt. „Ois is easy“ wurde dann auch zum Titel für die Anthologie mit Gedichten aus Bayern, über Bayern, für Bayern.

Kann man sich einem Land lyrisch annähern? Was verhilft Bayern zu seinem besonderen Ruf? Sind es die Alpen, ist es der bisweilen wie eine Geheimsprache klingende Dialekt zwischen Allgäu, Bayerwald und fränkischer Seenplatte? Oder spielt die Omnipräsenz des Katholizismus eine Rolle? Die Siege des FC Bayern? Das Oktoberfest? Die Kombination von Laptop und Lederhose? Die einen lieben dieses Land, andere hassen es, aber keinen lässt es kalt.

Wie immer zu Beginn eines Anthologieprojektes, habe ich einmal mehr bei den Einladungen auf die Literaten meiner GEDICHT-Großfamilie zugegriffen, dieses Mal auf all jene, die in Bayern geboren sind oder dort leben oder aufwuchsen.

Vielleicht haben wir im Freistaat das Glück, dass hier besonders viele Dichterinnen und Dichter beheimat sind. So versammelt diese Anthologie wichtige deutsche Lyriker, darunter Friedrich Ani, Ulrike Draesner, Thomas Gsella, Michael Krüger, Reiner Kunze, Michael Lentz, Matthias Politycki und Paul Wühr. Etliche Mundartdichter liefern lyrische O-Töne aus den verschiedenen Sprachregionen. Margret Hölle und Harald Grill bedichten ihre Heimat im klangreichen Oberpfälzer Dialekt, so wie es Fitzgerald Kusz im Fränkischen tut oder Josef Wittmann auf Oberbayerisch. Karl Krieg jodelt lautmalerisch, während Ausnahmebarde Tiger Willi in seinem Lied „Mo ohne Kopf“ schwarzhumorige Saiten aufzieht.

Trotz der Lieblichkeit der Landschaft kann Bayern aber auch eine schwierige Heimat sein. So schreibt beispielsweise Bert-Brecht-Preisträger Albert Ostermaier in seinem Gedicht „rückspiel“: „Du fragst mich was / heimat ist das jod auf den / blutenden knien die hand / in den brennesseln das versteck / der kindheit unauffindbar / im stroh der erinnerung“.

Aber das Gros der in „Ois is easy“ publizierten Texte feiert den Freistaat und seine Ureinwohner. So schickte mir die junge Münchner Autorin Theres Lehn erst vor wenigen Tagen folgende euphorische Zeilen per E-Mail: „Die Anthologie ist wundervoll geworden! Es macht richtig Spaß drin zu schmökern, mit Bayern zu schmunzeln, über Bayern zu schmunzeln. Es sind so viele Blickwinkel und doch denk ich bei jedem Gedicht: ja, so ist Bayern. Was für ein schönes Buch! Was für ein schönes Land.“

„Neben prominenten Namen hat Herausgeber Anton G. Leitner noch eine Vielzahl junger, hoffnungsvoller Autoren gruppiert, die den Granden der Lyrik das Wasser reichen können“, heißt es in einer ersten Kritik zu „Ois is easy“. Und abschließend präsentiere ich Ihnen deshalb gleich noch das „Ois is easy“-Gedicht eines dieser jungen lyrischen Talente aus Bayern, nämlich von Leander Beil aus Holzkirchen, der 1992 geboren wurde. Sie kennen ihn bereits aus unserer Zeitschrift DAS GEDICHT, in der er debütierte, oder von der „Großen Nacht der Lyrik“ im Rahmen meines ÖKT-Lyrikprojekts, an dem er als jüngster Autor mitgewirkt hat.

Übrigens arbeitet sich an der erfolgreichen ÖKT-Anthologie „Die Hoffnung fährt schwarz“ bis heute ein Autorenkollege aus Bayern ab (vor wenigen Tagen mit einem merkwürdigen Beitrag in einer Regionalzeitung), der offensichtlich gerne selbst mit einem solchen lyrischen Hoffnungsprojekt betraut worden wäre. Aus Hauptargument gegen die Sammlung führt er an, dass sie „aus teilweise unverständlichen Gedichten“ bestehe und auch „qualifizierte Germanisten“, mit denen er befreundet sei, nichts damit anfangen könnten. In einer Serie von Schmähbriefen, die offensichtlich aus dem Kreise dieser „Germanistenrunde“ stammen, werden übrigens immer wieder Gedichte attackiert, die in der Sammlung „Die Hoffnung fährt schwarz“ gar nicht enthalten sind.

Unter uns gesagt, hatte ich befürchtet, dafür angegriffen zu werden, dass wir für das ÖKT-Lyrikprojekt so einfache und verständliche Gedichte ausgesucht hatten. Aber man sollte niemals den Nachholbedarf mehr oder weniger neugieriger Germanisten unterschätzen, die im Pensionsalter noch immer jenen Wissens- und Lektürestand zum Maßstab erheben und wehrhaft verteidigen, den sie sich Jahrzehnte zuvor in ihren Studienjahren angeeignet haben.

Aber glücklicherweise sind solche Pädagogen, die Heranwachsende sicher nicht für die Sache der Poesie zu begeistern vermögen, heute die absolute Ausnahme. Denn für die Literaturvermittlung an Kinder und Jugendliche stehen, insbesondere im Bereich Lyrik, jetzt ganz andere Mittel zur Verfügung als damals, wenn ich etwa an das Projekt „JDD“ (Junge Dichter und Denker“) denke. Ich habe solche neue Vermittlungs-Strategien z. B. in einem ausführlichen Beitrag in der Zeitschrift „Grundschule Deutsch“ Nr. 23 (3. Quartal 2009), die im Friedrich Verlag in Zusammenarbeit mit Klett erscheint, vorgestellt und verrate einzelne dieser Rezepte auch auf den Jahreskursen auf Schloss Hirschberg.

Unser besagter / betagter und sich beklagender Autorenkollege aus Bayern verhält sich ein bißchen wie eine beleidigte, nicht eingeladene Fee. Und in der Tat hält ihn niemand davon ab, sein eigenes Hoffnungsprojekt zu starten, vielleicht unter dem Motto: „Das wird schon wieder werden“. Und ich empfehle nicht nur ihm die Lektüre von so kompromisslos einfachen, aber wunderbar dichten Versen, wie Leander Beil sie verfasst, und sage Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher, für heute ein herzliches, bayerisches „Pfüa Gott“ aus Schloss Hirschberg,
bis bald an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner

Leander Beil

B 13

Ein leises Geblätter vielleicht
in Seiten voll ungelesener Ruhe und bald schon
raschelt der Regen mit
im atmenden Grün, wo sonst
der Wind sich die Zeit vertreibt.
Der nächtliche Himmel danach ist wieder
traubensaftig und friedliche Wolken
ziehen am Körper der Kühe
über Felder und Wiesen.
Während das glühende Leder des Sitzes
dich lautlos brandmarkt,
findet der Blick keinen Ausweg
aus dampfendem Blech und Rückspiegeln.
Unaufhörlich grollt der Verkehr
zur Wolkenbrandung des Abends hinauf.

© Leander Beil, Holzkirchen

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