Das Trauerspiel von Afghanistan


Liebe Besucherinnen und Besucher,

in meinem Urlaubsdomizil im Bayerwald erreicht mich gerade eine eMail von Pfarrer Christian Düfel von Deutschen Evangelischen Kirchentag. Er erzählte mir unlängst von einem Gedicht von Theodor Fontane, das dieser 1859 über den englisch-afghanischen Krieg geschrieben hat. Ich erinnerte mich schwach daran, es auch schon einmal selbst gelesen zu haben.

Da ich hier keine Werkausgabe von Fontane zur Verfügung habe, bin ich sehr froh, dass es mir Christian Düfel heute gemailt hat und stelle es für Sie sofort online. Denn es ergänzt in wunderbarer Weise den Afghanistan-Vierzeiler von Fitzgerald Kusz und zeigt einmal mehr, dass unsere Politiker bis heute aus der Geschichte wenig gelernt haben. Vielleicht würden tatsächlich weniger Soldaten aus unseren Breitengraden ihr Leben in Afghanistan lassen, wenn mehr Politiker Gedichte wie dieses läsen. 

Mit herzlichen Grüßen aus dem sonnigen Viechtach
verbleibe ich bis demnächst an dieser Stelle
Ihr Anton G. Leitner

Theodor Fontane

Das Trauerspiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt; 

Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt, 

Sir Robert Sale, der Kommandant, 

Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,

Sie setzen ihn nieder an den Kamin, 

Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,

Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann, 

Von Kabul unser Zug begann, 

Soldaten, Führer, Weib und Kind, 

Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer, 

Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,

Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt, 

Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall, 

Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘, 

Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht, 

Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah, 

So lasst sie’s hören, dass wir da, 

Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,

Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘, 

Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied, 

Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,

Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag, 

Laut, wie nur die Liebe rufen mag, 

Sie bliesen – es kam die zweite Nacht, 

Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

„Die hören sollen, sie hören nicht mehr, 

Vernichtet ist das ganze Heer, 

Mit dreizehntausend der Zug begann, 

Einer kam heim aus Afghanistan.“

1859

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