Aprilscherz? Publikum zu dumm für Lyrik und Literaturzeitschriften tot?

 

Liebe Besucherinnen und Besucher,

heute  sind mir zwei Beiträge in die Hand gekommen, die mich zunächst an einen Aprilscherz glauben ließen. Michael Krüger, vielgelobter Geschäftsführer des Carl Hanser Literaturverlages in München und langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente, liefert in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) eine simple Erklärung dafür, dass so wenig Menschen Lyrikbände kaufen: „Sie sind halt zu ungebildet“.

Im Börsenblatt-Newsletter erklärt indes Susanne Krones, Lektorin der Reihe Hanser im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv), Literaturzeitschriften für tot: „Die einstigen Monopolisten der Präsentation und Diskussion von Literatur spielen heute im Konzert der Literaturvermittler die leiseste Stimme. Sie üben keine erkennbare Funktion mehr aus.“ Weiter schreibt sie: „Dass ein Medium wie die literarische Zeitschrift im Wandel der Medien verschwindet, ist nicht tragisch, sondern Normalität.“

Susanne Krones hält Literaturzeitschriften heute u. a. deshalb für weitgehend funktionslos, weil Taschenbuch-Originalausgaben zum Teil jene Entdecker- und Auswahlfunktion übernehmen können, die früher literarischen Zeitschriften vorbehalten war. Allerdings verschweigt sie, dass Lektorate wie ihr eigenes besonders gern Redakteure oder Herausgeber von Literaturzeitschriften wie mich (und andere) damit beauftragen, eben diese Originalausgaben für sie zu edieren. Denn natürlich weiß auch sie, dass im Zeitalter der Digitalisierung jedermann ohne größeren Aufwand eine eigene Internetseite, ein Internettagebuch (Blog) eröffnen oder seine eigenen Werke oder die seiner Freunde im Wege des Digitaldrucks (meist unredigiert) publizieren kann.

Wer sich im Netz umsieht, findet teilweise ganze Internetportale oder Blogs, auch für Lyrik, die technisch perfekt gemacht sind und deshalb zunächst professionell wirken. Beim Lesen bemerken Besucher, die über einen gesunden Menschenverstand und einen eigenen literarischen Geschmack verfügen, aber schnell, dass dort gute und schlechte Texte wie Kraut und Rüben durcheinandergewürfelt präsentiert werden. Diese qualitative Nivellierung wird nicht selten durch flankierende Rezensionen oder Notate zum Literaturbetrieb verstärkt. Oft schwingen sich da Autoren zu Kritikern auf, denen der eigene literarische Erfolg bislang weitgehend verwehrt geblieben ist. Aus ihrer menschlich verständlichen emotionalen Betroffenheit und Verletztheit heraus schreiben sie dann gern „erfolgreichere“ Konkurrenten in Grund und Boden oder verschweigen sie ganz, während literarische Freunde und Weggefährten oder Herausgeber, die ihre Werke publizieren, in den Himmel gelobt werden. Ähnliche Entwicklungen sind im Internet übrigens auch im Bereich der bildenden Kunst zu verfolgen.

Gerade vor diesem Hintergrund ist die aus manchen literarischen Zeitschriften jahrzehntelang erwachsene redaktionelle Kompetenz heute unverzichtbarer denn je. Sich dabei einzig und allein auf universitäre-germanistische Projekte zu verlassen, wie Susanne Krones dies im Börsenblatt-Newsletter vorschlägt, ist eine Milchmädchenrechnung. Denn gute Literatur setzt fast immer ein intensives Leben und Erleben voraus, und jeder, der einmal selbst eine Universität besucht hat und sich später im wirklichen Leben bewähren musste, weiß, dass diese beamtenähnlich geschützten akademischen Welten und nach Fachbereichen gegliederten „Unterwelten“ wirklich nur einen beschränkten Teil der Lebenswirklichkeit und Praxis widerspiegeln und deshalb meistens lediglich ein Publikum zu begeistern vermögen, das noch selbst in diesem Millieu gefangen ist.

Aber Totgesagte leben manchmal länger leben und sind dabei mitunter sogar putzmunter:  Vielleicht sollten sich Michael Krüger oder Susanne Krones oder die Journalisten aus Osnabrück einfach einmal den neuen Videokanal „dasgedichtclip“ unserer Zeitschrift DAS GEDICHT auf YouTube ansehen oder täglich die Netzanthologie zum 2. Ökumenischen Kirchentag aufrufen, wie es bislang über 17.000 Besucherinnen und Besucher getan haben. Dann würden sie mitnachvollziehen können, dass themenorientierte Konzepte, die Internet, Buchdruck und Veranstaltung verbinden, in ihrer Vernetzung durchaus auch neue Absatzchancen eröffnen, denn schließlich beschäftige ich mich seit 1993 im Hauptberuf mit der Vermittlung von Lyrik und könnte nicht von meiner Arbeit leben, wenn zuträfe, was hier behauptet wird.

Weil immer weniger Buchhändler (trotz immer höherer Rabattangebote bzw. Forderungen) bereit sind, Gedichtbände bzw. Titel kleinerer Verlage in ihr Sortiment aufzunehmen, zwingen sie diese förmlich dazu, eigene Direktvertriebskanäle zu eröffnen. So können speziell interessierte Leserinnen und Leser ihre Bücher direkt beim Erzeuger oder über Internetbuchhandlungen kaufen. Kluge Leser, von denen es nicht wenige gibt,  wissen als „Lyrikfreaks“ sehr genau, dass das Spektrum der Lyrikangebote von Unterhaltungslyrik über Ernste Lyrik bis hin zur Avantgarde reicht, und sie wissen auch, wo und wie sie sich diese Lektüre besorgen können.

Lyrik war das Salz und auch der Pfeffer im Sortiment einer jeden Buchhandlung. Salz und Pfeffer sorgen bekanntlich meistens für die richtige Geschmacksmusik. Wer freiwillig darauf verzichtet, sie anzubieten, braucht sich doch nicht zu wundern, dass sich seine Gäste die Geschmacksverstärker anderswo besorgen.

Wer aber nur insbesondere den stationären Buchhandel im Visier hat, sollte aus diesem Blickwinkel nicht aufs Ganze schließen,
meint mit einem Augenwinkern aus Weßling
am heutigen Gründonnerstag, den 1. April 2010,
Ihr Anton G. Leitner
herzlich grüßend

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