Welttag der Poesie: Von den Risiken und Nebenwirkungen der Lyrik

Liebe Besucherinnen und Besucher,

in ihrer Beilage „Merkur Extra“ zur Leipziger Buchmesse rezensiert die Wochenzeitung Rheinischer Merkur auch meine Anthologie zum Ökumenischen Kirchentag, „Die Hoffnung fährt schwarz“. Nach Ansicht des „Rheinischen Merkurs“  handelt es sich dabei um „einen gelungenen poetischen Begleiter zum 2. Ökumenischen Kirchentag“. „Leitner widmet dem ÖKT ein beachtenswertes Kleinod an Poesie, das ebenso amüsante wie nachdenkliche Gedanken nicht nur für Kirchentagsbesucher bereithält“, heißt es in der Kritik weiter, die unter diesem Link auch im Internet publiziert ist. Übrigens zeichnete der Bayerische Rundfunk (BR) diese Anthologie bereits wenige Tage nach ihrem Erscheinen mit dem begehrten Prädikat „Bayern 2 BuchFavorit“ aus.

Das Buch „Die Hoffnung fährt schwarz“ ist ja, wie Sie vielleicht schon wissen, Teil meiner Netzanthologie zum 2. Ökumenischen Kirchentag (12. bis 16. Mai in München), die seit dem 1.1.2010 jeden Tag ein neues Hoffnungsgedicht online stellt, wobei alle Aspekte der Hoffnung lyrisch thematisiert werden, auch die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Die Resonanz auf unsere Lyrik-Online-Anthologie des 2. ÖKT ist sehr groß, sie verzeichnete unlängst den 14.000 Besucher. Viele Autorinnen und Autoren von Lyrik möchten an dem Projekt noch mitarbeiten und schicken mir täglich „Hoffnungsgedichte“ aller Art. Aber um jedes Gedicht wirklich tagesgenau einplanen zu können, musste die Netz-Anthologie natürlich bereits im Dezember 2009 inhaltlich stehen. Obwohl ich selbst alle Gedichte der Netzanthologie beinahe schon in- und auswendig kenne, klicke ich mich jeden Tag ins aktuelle Hoffnungsgedicht, um als ganz normaler Leser dem Reiz dieser lyrischen Texte nachzuspüren.

Eine ganz besondere Freunde hatte ich, als sich die Münchner Künstlerin Elisabeth Süß-Schwend bei mir meldete. Die einstige Meisterschülerin an der Akademie der Bildenden Künste in München, die von 1970 bis 2003 als Kunsterzieherin an einem Münchner Gymnasium arbeitete, teile mir mit, dass unsere Netzanthologie jeden Tag eigene kreative Impulse bei ihr auslöse. So entstehen Tag für Tag eine oder sogar mehrere Illustrationen von ihr zu den jeweiligen Gedichten. Die von ihr beigefügten Musterillustrationen haben mir so gut gefallen, dass ich Ihnen an dieser Stelle schon einmal zwei davon mit den zugehörigen Gedichten vorstellen möchte. Da ich mir insgeheim genau solche interdisziplinären Vernetzungen von unserem lyrischen Netzprojekt erhofft hatte, beglücken mich diese Illustrationen.

Elisabeth Süß-Schwend zu dem Gedicht "Eine ernste Frage" von Axel Kutsch

Axel Kutsch

Eine ernste Frage

Im ersten Schnee
der früh fiel
dieses Jahr
spielen drei Jungen
Krieg.

Pengpeng
rufen sie
fallen und
stehen gleich wieder auf.

Den Schnee von den
Kleidern schüttelnd
fragt einer von ihnen:
Wie spielt man
eigentlich
Frieden?

Axel Kutsch, geboren 1945 in Bad Salzungen, lebt in Bergheim/Erft.
© Axel Kutsch, Bergheim/Erft

In der ÖKT-Netzanthologie publiziert am So, 03.01.2010,
im Buch „Die Hoffnung fährt schwarz“ auf S. 63 abgedruckt.

Elisabeth Süß-Schwend zu dem Gedicht "rück blick" von Semier Insayif

Semier Insayif

rück blick

ich schlief
auf offenem feld
auf einem weißen blatt
das meine träume weckte

endlich wieder
himmel gesehen
auf einem stück papier
von dir

so legte ich mich in den einen satz
den du mir zugeflüstert hast
und darin überquerte ich den fluss –
dein wort trägt mich bis heute

Semier Insayif, geboren 1965 in Wien, lebt dort.
© Semier Insayif, Wien

In der ÖKT-Netzanthologie publiziert am Sa, 30.01.2010,
im Buch „Die Hoffnung fährt schwarz“ auf S. 67 abgedruckt.

Weil gute Gedichte immer auch vertraute und eingefahrene Denkmuster aufbrechen, provozieren sie mitunter.  So beschwert sich ein promovierter Pädagoge aus Bayern über unsere Anthologie „Die Hoffnung fährt schwarz“, weil er „diese Art von Literatur“ nicht verstehe: „Es ist eine Unverschämtheit so einen Unsinn und Schwachsinn als Gedichte der Hoffnung zu verkaufen“. Auch seine Schüler würden diese Gedichte nicht kapieren, sondern für „Schmarrn – Schwachsinn – Unsinn“ halten, da sie „desorientierte Anschauungen“ widerspiegelten. Eine Internetrecherche weist diesen Lehrer, der offensichtlich nichts von der christlichen Tugend der Toleranz hält, als „Altherrnmitglied“ einer Studentenverbindung aus.

Ist es ein Zufall, dass mich einige Tage zuvor ebenfalls ein „Alter Herr“ derselben Verbindung (wiederum Ergebnis einer Internet-Recherche) wegen meines in der Zeitschrift DAS GEDICHT Nr. 17 publizierten Gedichts „Die Wahrheit über Uncle Spam“ am Telefon beschimpfte, weil ich „Lyrik für Eliten“ produzierte und damit „volksfremd“ sei. Er erregte sich – wie übrigens auch ein ehemaliger Staatsminister – immer wieder aufs Neue über mein Gedicht  „Uncle Sam“ (statt richtig „Uncle Spam“), da er offenbar bislang so wenig Kontakt mit dem Internet hatte, dass er gar nicht wusste, dass das Wort „Spam“ unerwünschte eMails bezeichnet und meine Verse zum überwiegenden Teil den Original-Inhalt von „Spam“-eMails wiedergeben, also lediglich die Angst thematisieren, sich einen Computervirus einzufangen … Auch dieser Mann hat einmal Kinder unterrichtet.

Ich brauche nicht weiter auszuführen, in welchem Teil der deutschen Geschichte moderne Kunst mit Krankheit („Schwachsinn“) verglichen oder gar als „volksfremd“ diffamiert wurde. Solche (justiziablen) Schmähkritken aus der Feder oder dem Munde von Pädagogen, die sich damit selbst ein Armutszeugnis ausstellen, lassen vor allem bei diesen einen erschreckenden Mangel an Bildung, insbesondere Fortbildung erkennen. Denn der „Schwierigkeitsgrad“ z. B. der gerade zitierten Texte von Axel Kutsch und Semier Insayif müsste doch ohne weiteres auch von herzensgebildeten Menschen ohne Promotion zu knacken sein? Aber getroffene Hunde bellen, vermutlich haben all diese Gedichte bei jenen Herren buchstäblich „ins Schwarze“ getroffen, weil sie ihre zementierte Geisteswelt  temporär in Wanken brachten. Denn die Hauptsache ist, dass Gedichte nicht „lau“ sind oder gar lauwarm beim Leser ankommen. Wie heißt es doch in der Bibel:

„Ich kenne deine Werke.
Du bist weder kalt noch heiß.
Wärest du doch kalt oder heiß!
Weil Du aber lau bist, weder heiß noch kalt,
will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“
(Offenbarung 3, 15-16)

Soviel am Vorabend zum morgigen „UNESCO-Welttag der Poesie“ und soviel auch zu den Risiken und Nebenwirkungen von Lyrik, vor denen selbst mancher Lehrer im sogenannten „Bildungsland“  Bayern nicht gefeit ist!

Bevor ich zum Ende meines heutigen Blogeintrags komme, möchte ich Ihnen noch kurz von der Vorpremierenfeier unserer Anthologie „Die Hoffnung fährt schwarz“ berichten, die am vergangenen Montag, den 15. März 2010 um 19.00 Uhr in der St. Maximilanskirche in München stattgefunden hat.

Der Münchner Künstlerseelsorger Pater Georg Maria Roers SJ hatte dazu eingeladen und Staatsschauspieler Stefan Wilkening gab mit seiner Lesung aus „Die Hoffnung fährt schwarz“ eine beeindruckende Kostprobe seines Könnens als Rezitator. Anschließend ließen wir den Abend gemütlich im Lokal „Josef“ ausklingen.

Vorpremiere: Schauspieler Stefan Wilkening rezitiert in der St. Maximilianskirche aus "Die Hoffnung fährt schwarz"

Bevor ich mich endgültig mit zwei weiteren Fotos verabschiede, möchte ich diese Gelegenheit noch nutzen, um meinem Mitherausgeber Friedrich Ani ganz herzlich zum siebenfachen (!) Grimmepreis für „Komissar Süden und der Luftgitarrist“ zu gratulieren.

Matthias Politycki, mit dem ich zusammen das Konzept für den Lyrikwettbewerb „Hochstadter Stier“ entwickelt habe, gratuliere ich herzlich zu dem mit 15.000 Euro dotierten Preis der „Literatour Nord 2010„.

Mit zwei Schnappschüssen von der ersten kleinen Feier für „Die Hoffnung fährt schwarz“ wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.

Die Lyriker Said und Thomas Hald am 15.1.2010 im "Josef"

Bis bald an dieser Stelle wieder, Ihr
Anton G. Leitner

Anton G. und Felizitas Leitner am 15.1.2010 im "Josef"

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