„Heute ist ein schöner Tag“

Aloisia Leitner *21.08.1911, verstorben am 23.2.2009

Aloisia Leitner *21.08.1911, verstorben am 23.2.2009

 

 Heute ist kein schöner Tag, denn vor einigen Stunden bin ich vom Totenbett meiner Großmutter heimgekehrt. Sie ist gegen Mittag im Alter von 97 Jahren gestorben. Ich habe ihr im Pflegeheim einen letzten Besuch abgestattet.

 Das Heim liegt idyllisch an einem oberbayerischen See und als ich es betrete, läuft gerade der Rosenmontagsschlager „Heute ist ein schöner Tag“. Einige verwirrte Heimbewohnerinnen versuchen mit mir in einer unverständlichen Babysprache Kontakt aufzunehmen. Vom Personal begegnet mir während meines gesamten Besuches niemand. Wahrscheinlich waren die diensthabenden Pflegerinnen und der Zivildienstleistende mit bettlägerigen alten Menschen beschäftigt.

 Die Tür zu Großmutters Zimmer steht einen Spalt weit offen. Sie liegt so wie immer in ihrem Pflegebett, nur steht das Bett heute etwas angeschrägt an der Terrassentür. Unter ihren Kopf hat man ein hohes Kissen geschoben, so dass sie eigentlich den zugefrorenen See sehen müsste, der draußen silbergräulich schimmert, wie ihr nach hinten gekämmtes Haar. Aber ihre Augen sind zu. Sie kann den See nicht mehr sehen und der See schert sich nichts um sie. Der ist mit sich selbst beschäftigt und taut auf, während Großmutter regungslos vor mir liegt, mit einem matten Glanz auf der Haut. Ihr Mund ist offen, zahnlos, von einem angedeutetem Lächeln umspielt. Meine Nase habe ich von ihr, denke ich. Ihre ist sogar noch mehr gekrümmt als meine. Aber ihre Nasenflügel bewegen sich nicht mehr, nicht um einen Deut. Kein Ringen um Luft, kein verkrampfter Husten nach dem Verschlucken.

 Ihre feingliedrigen Hände hat man gefaltet. Sie umschließen den Teil der Blüte eines Weihnachtssterns und etwas Grünzeug. Zwei große weiße Stearin-Kerzen brennen in einem Glas. Sie stehen auf grauen Sockeln im Jugenstildekor und flankieren die rechte und linke Seite von Großmutters Bett. Die Flammen züngeln nicht. Kein Lufthauch bewegt sie. Das resopalgeschichtete Regal an der Wand ist schon leergeräumt. Wie neu.

In der Ecke des Zimmers lehnt ein Glasrahmen. Er hält noch immer all die Fotos ihrer Enkel zusammen, die nicht zusammenpassen. Einzelne sind  schon angegilbt. Sie sind nach der Geburtsfolge nummeriert und handschriftlich mit den Vornamen der Enkel versehen. Ein Bild zeigt mich als Jugendlichen. Ich schaue brav aus. Mein Bild hat einen Rotstich. Es ist mit „Nr. 1″ und meinem Spitznamen gekennzeichnet. Links daneben lehnt ein einzelner Rahmen: Darin ein Foto meines verstorbenen Großvaters. „Papa“ steht darauf. Kein weiteres Bild, nur ein Buch, die heilige Schrift, und Jesus am Kreuz.

 Sie hätte sich gewünscht, dass jetzt ein Pfarrer an ihrem Bett steht. Aber am Rosenmontag steht auch in Bayern kein katholischer Geistlicher am Totenbett. Vielleicht findet sich doch noch einer. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Als ich gehe, schreckt eine alte Dame im Gang aus ihrem Rollstuhl hoch. Ich habe sie an ihrer Sitzhaltung wiedererkannt. Denn wie bei all meinen früheren Besuchen ist ihr halber Oberkörper über die rechte Armlehne des Rollstuhls gesunken. Mein Gruß lässt sie auch dieses Mal hochfahren und eine aufrechte Sitzhaltung einnehmen. Sie ruft, schreit mir unverständliche Worte nach und verfolgt aufmerksam mein Gehen. Dann sinkt ihr halber Oberkörper über die linke Armlehne ihres Rollstuhls.

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