Barack Obama – Amtseinführung mit Lyrik. Gastkommentar von Axel Kutsch.

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit über 25 Jahren – davon 16 Jahre im Hauptberuf – versuche ich, Ängste bei Lesern vor der Lyrik abzubauen. Die Antwort auf jene Witzfrage „Wie bekomme ich innerhalb von wenigen Minuten einen überfüllten Saal leer?“ – „Ich lasse einen Lyriker lesen“ birgt einen wahren Kern. Die Poeten sind nicht ganz unschuldig daran, dass es in allen anderen künstlerischen Sparten leichter ist, ein Publikum zu gewinnen. Denn bisweilen präsentieren sie sich auf Lesungen so unvorbereitet, abgehoben und langatmig, dass sich viele Zuschauer schwören, nie wieder derartige Veranstaltungen zu besuchen.

Aber glücklicherweise geht es auch anders. Unter Lyrikern gibt und gab es exzellente Vortragskünstler wie Robert Gernhardt, der zu Lebzeiten stets ganze Säle füllte und – mit durchaus bissigen Gedichten – Verkaufsauflagen erzielte, bei denen mancher Prosaist auch heute noch vor Neid erblasst.

Am Samstag, den 31. Januar 2009 werden Matthias Politycki und ich sowie die 25 Kandidatinnen und Kandidaten um den 1. Lyrikpreis „Hochstadter Stier“ versuchen, es Robert Gernhardt gleichzutun und dem Publikum zu zeigen, wie unterhaltsam Poesie sein kann. Da dem Vernehmen nach die Veranstaltung schon heute fast ausgebucht ist, empfiehlt es sich dringend beim Gasthof Schuster die letzten freien Plätze zu reservieren.

Aber vom „Hochstadter Stier“ zurück zur großen Politik. Nun ist Barack Obama der 44. Präsdident der Vereinigten Staten von Amerika und ich bin glücklich darüber, dass jetzt dieser charismatische und intellektuell spritzige Mann an der Spitze jener Nation steht, die so gerne die Führungsrolle in der Welt für sich reklamiert. Dass Obama eine Lyrikerin im Rahmen seiner Amtseinführung auftreten ließ, fasziniert mich naturgemäß als Herausgeber der Zeitschrift DAS GEDICHT.  Meinen Kölner Herausgeberkollegen Axel Kutsch, der zu meinen langjährigsten poetischen Weggefärten zählt,  hat diese Tatsache zu einem Gastkommentar für meinen Blog veranlasst, den ich Ihnen nicht vorenthalten will.

Ich hoffe, wir sehen uns demnächst im Rahmen des „1. Hochstadter Stiers“, grüße Sie bei dieser Gelegenheit herzlich und übergebe jetzt das Wort Axel Kutsch:

„Autorenlesungen finden nicht selten (fast) unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt – vor allem dann, wenn Poesie auf dem Programm steht. So waren vor einigen Monaten zu einer Lesung des Welt-Lyrikers Les Murray im Literaturhaus der Millionenstadt Köln nur 60 Zuhörer gekommen. Bei Ulrike Draesners Auftritt einige Wochen später waren es gerade mal 20. Von einem wirklich großen Publikum können Lyriker meistens nur träumen.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten,ungeheuren Weiten und gigantischen Bauwerke gehen solche Träume gelegentlich in Erfüllung. Dort dürfen sich Dichter bei Amtseinführungen von Präsidenten für wenige Minuten einer Millionenschar von Zuhörern präsentieren. Über die Qualität ihrer Werke, die sie eigens für diese feierlichen Momente geschrieben haben, breitet man am besten den Mantel des Schweigens aus. Aber immerhin – Lyrik wird nicht zuletzt durch die Fernsehübertragungen in alle Welt zum Großereignis.

Vielleicht erfährt dabei so mancher Dauerkonsument von idiotischen Dschungelcamps und lächerlichen Talentshows sogar, daß es auch nach Goethe noch Leute gibt, die einen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Verfassen von Gedichten verbringen.

Der jüngste Mega-Auftritt einer Lyrikerin fand bekanntlich bei der Amtseinführung Barack Obamas statt. Die Auserwählte heißt Elizabeth Alexander, ist eine Freundin des neuen US-Präsidenten und war als Poetin bisher noch wenig bekannt. Ihr biederer ‚Lobgesang auf den Tag‘, der immerhin die schöne Zeile ‚Wir tragen jeden unserer Vorfahren auf unseren Zungen‘ enthält, bietet ansonsten wenig Anlaß,von einem originellen Poem zu sprechen. Und so kann man sich Durs Grünbeins in der ‚Frankfurter Rundschau‘ geäußerter Meinung, daß es ‚ein eher schwaches Amtseinführungs-Gedicht‘ und ‚ein braves Stück Alltagslyrik‘ gewesen sei, nur anschließen.

Daß man historischen Ereignissen auch mit anderen Versen gerecht werden kann, hat jener Durs Grünbein erst vor kurzem anläßlich des Abrisses eines Bauwerks bewiesen, das einmal zu den Wahrzeichen der DDR gehörte. Bei ‚Welt Online‘ konnte man staunend zur Kenntnis nehmen,was er unter dem Titel ‚Ein letztes Gedicht für den Palast der Republik‘ mit poetischer Bravour zustande gebracht hat.

Bereits der Einstieg läßt einen fast den Atem anhalten: ‚Es gab mal ein Haus in Berlin, / Dort ging man zum Stasi-Ball hin‘. In der nächsten Strophe gerät man dann schon in Atemnot: ‚Es gab mal ein Haus in Berlin, / Da tanzte die Honeckerin‘. Und völlig aus dem Häuschen ist man bei Zeilen wie ‚Das Haus aber war ein Palast, / Darin hatte der Stahlwerker Spaß‘ oder ‚Der Stil war Baracken-Barock, / Für manch Altgenossen ein Schock‘. Bewundernswert auch, wie Grünbein den Glanz des ehemaligen DDR-Prachtbaus mit den folgenden Reimen eingefangen hat: ‚Aus dem Innern erstrahlten satt / Lichter, ein paar zehntausend Watt. / Alt aussehn im Abendverkehr / Ließ den Dom die Vitrine der DDR.‘ Und so stolpert unser Groß-Dichter weiter mit tollkühner Rumpel-Lyrik durch die Strophen, dass sich die Verse biegen.

Da kann man Barack Obama fast schon gratulieren, daß seine Amtseinführung von einem braven Stück Alltagslyrik begleitet wurde. Man stelle sich nur vor, Durs Grünbein wäre ein US-Poet und von Obama gebeten worden, seine Premiere als Präsident mit einem Poem zu veredeln. Dann wäre die Welt vielleicht mit einem ‚Ersten Gedicht für den Präsidenten der USA‘ und den Eingangszeilen ‚Es gibt ein Haus in Washington, / Dort herrscht ab sofort ein andrer Ton‘ beglückt worden.

Nein – beenden wir diese Horrorvorstellung, schlagen einen der frühen Lyrikbände von Durs Grünbein auf und staunen, zu welchen Ausrutschern ein hochbegabter Dichter im nun leicht fortgeschrittenen Alter fähig ist. Was Elizabeth Alexander betrifft, so kennen wir noch zu wenig von ihr. Vielleicht hatsie ja mehr zu bieten als einen biederen Lobgesang.“

Axel Kutsch

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