Künstlerprotest gegen die Erweiterung des Sonderflughafens Oberpfaffenhofen / Weßling für Geschäftsflieger

Liebe Besucherinnen und Besucher,

meinen „Arbeitsjuni“ im Büro, der demnächst nahtlos von einem „Arbeitsjuli“ im Büro abgelöst wird, habe ich am gestrigen Samstag für einen öffentlichen Protestauftritt gegen die Erweiterung des Sonderflughafens Oberpfaffenhofens / Weßling unterbrochen. Ich war eingeladen, zur Ausstellung „FlugKunst“ (Pfarrstadel Weßling, 29. Juni bis 6. Juli 2008: Montag – Fr, 15 – 18 Uhr und Sa / So 11 – 18 Uhr) eine kurze Eröffnungsrede zu halten.

Ich habe zunächst auf die schon im Ort bestehende Lärmsituation verwiesen, die bereits für mich und die meisten anderen Weßlinger Bürger ein schier unerträgliches Maß erreicht hat: Zum einen wegen der Weßlinger Hauptstraße. Sie zerschneidet durch einen inzwischen an Irrsinn grenzenden Durchgangsverkehr mit zigtausenden Fahrzeugen am Tag das Dorf Weßling in zwei Teile – es ist für mich nur eine Frage der Zeit, bis in diesem Verkehrsmoloch ein Kind auf dem Weg zur Schule oder zum Kindergarten schwer verletzt oder totgefahren wird, da das Überfahren von roten Ampeln in Weßling an der Tagesordnung ist. Zum anderen auch wegen des hausgemachten Lärms, der von den Bürgern Weßlings selbst mit elektrischen Maschinen und Verbrennungsmotoren aller Art erzeugt wird.

Ein Protest gegen Fluglärm kann nicht isoliert von der restlichen Lärmbelastung im Ort artikuliert werden, sonst würde er die bereits bestehende Lärmsituation vollkommen verharmlosen. Jeder, der zu Recht gegen die völlig unsinnige Erweiterung des Sonderflughafens Oberpfaffenhofens protestiert, weil sie eine der schönsten Natur- und Seenlandschaften Deutschlands zerstört, kann auch selbst etwas gegen den Lärm unternehmen. Etwa durch Einhaltung der mittäglichen Ruhezeiten, durch Unterlassung von lärmstörenden Arbeiten an Sonn- und Feiertagen, durch Unterlassung unsinniger Fahrten durch den Ort (beispielsweise mit lärmenden Traktoren, die zu Hobbyzwecken unterhalten werden und mit denen an Sonn- und Feiertagen besonders gerne Kinder ausgefahren werden, unangeschnallt versteht sich).

Meine Rede im überfüllten Weßlinger Pfarrstadel (unter den Gästen befanden sich mehrere Bürgermeister unserer Region sowie der Starnberger Landrat Karl Roth) stieß auf breite Zustimmung im Publikum, aber auch auf heftigste Proteste von mehreren Bürgerinnen aus dem Nachbarort, die der Meinung sind, der Lärm solle in Weßling bleiben: Weßling bräuchte keine Umgehungsstraße, weil es eh schon den Lärm gewohnt sei, und ein bekannter Künstler wie ich könne im Übrigen an jedem anderen Ort in Deutschland arbeiten und müsse halt wegziehen. Weniger Lärm in Weßling bedeute mehr Lärm in ihrem stillen Ortsteil Kuckucksheim / Wörthsee. Eigens zu Beweiszwecken sei eine 40-minütige Bandaufnahme angefertigt worden, auf der im Wesentlichen drei Geräusche zu hören seien: Das Klopfen eines Buntspechts, die zärtliche Stimme eines Rotschwänzchens und das Rauschen der Blätter im Wind. Auf diese Ruhe habe man einen Anspruch. Man habe schließlich mehr in seinem Leben gearbeitet, als ein Künstler. Schluss, aus und basta!

Selig sind die Bewohner im benachbarten Wolken-Kuckucksheim!

Um die Diskussion in Gang zu halten, stelle ich meine Rede von gestern nebst den drei Beispielsgedichten an dieser Stelle online und lade Sie herzlich ein, sich Ihre eigene Meinung zu bilden.

In diesem Sinne verbleibe ich für heute herzlich grüßend

Ihr Anton G. Leitner

aus Weßling (natürlich mit dem obligatorischen Silikonstöpsel im Ohr)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor einigen Jahren hat mich während einer Literaturtagung auf Schloss Elmau ein Lektor verwundert gefragt, wie ich es bei meiner konzentrationsbedürftigen Arbeit aushalten könne, auf dem Land zu leben. Er besuche einmal im Jahr Verwandte in Weßling und habe unter Weßling das Bild eines idyllischen, herzförmigen Sees gespeichert, um den herum der nackte Lärm tobe. Eine Hauptstraße, durch die permanent Autos rauschten und röhrten und Schwerlaster rumpelten, dazu alle zehn Minuten das Geräusch einer kreischend-anfahrenden S-Bahn, begleitet vom Gejaule elektrischer Laubsauger im Zusammenklang mit Bandschleifmaschinen, Rasenmähermotoren, Gartenhäckslern, Kreis- und Motorsägen, selbst während der mittäglichen Ruhezeiten. „Wie könnt ihr Euch nur das Leben auf dem Land so zur Lärmhölle machen“, fragte er mich. Er wäre immer wieder froh, wenn er sich zuhause in München vom Weßlinger Lärmstress erholen könne.

Nun hat sich diese denkwürdige Begenbenheit bereits vor Jahren zugetragen. Damals schien sogar eine Lösung gegen den unendlich anschwellenden Hauptstraßenlärmpegel in Sicht, eine Umgehungsstraße war in greifbare Nähe gerückt, und vom ehemaligen Dornier-Werksflughafen war höchstens im Zusammenhang mit Entlassungen durch eine Nachfolgefirma namens Fairchild die Rede, von Auffanggesellschaften und von wieder einmal vergeblich eingesetzten Millionensubventionen. Eine Flughafenerweiterung stand nicht zur Debatte.

Ich habe dem Lektor auf Elmau geantwortet, dass er mir aus der Seele spräche, weil ich oft nur noch mit geräuschdämmenden Silikonstöpseln im Ohr arbeiten könne und meist auch im Hochsommer alle Fenster geschlossen hielte.

Der natürliche Feind eines Menschen, der hochkonzentriert geistige Arbeit verrichten muss, ist der Lärm. Und ich fürchte nichts mehr, als Nachbarn, die sich am Wochenende zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten in Hobbyschreiner, Hobbyschleifer oder Hobbysauger verwandeln.

„Schöne Gedichte“, so sagte ich damals dem Lektor, könne ich in Weßling schon lange nicht mehr schreiben. Dazu müsse ich mich schon in das Gästehaus eines befreundeten Künstlers auf der kanarischen Insel La Palma zurückziehen oder ins Regental im Bayerischen Wald, wo ein Teil meiner Vorfahren herstammt.

Nun ist die Weßlinger Umgehungsstraße aufgrund einzelner Hirschkäferfunde wieder einmal in weite Ferne gerückt und da ich selbst einen kleinen Teil meiner juristischen Referendarszeit in Brüssel verbringen konnte, weiß ich, von was ich rede, wenn ich von Hirschen und Käfern spreche. Wenn zum bisherigen Lärm auch noch deutlich mehr Fluglärm dazu kommt, müsste man als Künstler schon einen ausgeprägten Hang zum Masochismus haben, um weiterhin in Weßling wohnen und arbeiten zu wollen.

Unsere Region gilt als eine der schönsten in Deutschland und wer wie ich viel unterwegs ist, kann dies nur bestätigen. Es scheint jedoch in der Natur des Menschen zu liegen, dass sich der Mensch selbst seine eigenen Oasen und Ruheräume zerstört. Und so finden sich auch für die schönsten Flecken auf unserer Erde immer Totengräber oder Grabherrn.

Vielleicht sollten wir deren Pläne auf denkbar unkonventionelle Weise durchkreuzen: Setzen wir einfach im richtigen Moment zwei oder drei Hirschkäfer auf ihren Start- oder Landebahnen aus. Denn für den Schutz von Hirschkäfern kann sich im Zweifelsfall immer ein hoher EU-Beamter begeistern, dafür macht er vielleicht sogar Überstunden und folglich auch weniger Lärm in seiner Freizeit.

Aber lassen Sie mich nach der Pflege des schwarzen Humors wieder zurück zu den lyrischen Tatsachen kommen. Ich trage Ihnen zum Ausklang meines Beitrages gegen die Flughafenerweiterung jetzt noch drei eigene Gedichte vor. Zwei davon sind in Weßling, eines ist auf La Palma entstanden. Sie erraten sicher selbst den jeweiligen Entstehungsort.

Anton G. Leitner,

Weßling, 28.06.2008

 

Anton G. Leitner:

Sonntagsgedicht
aus der Provinz

Das geht so und so
Nicht gut die Städter die ein
Fallen jedes Wochen
Ende mit Blechspiel
Zeug deutsche Gesell
Igkeit ein zwei
Hundert Watt um die neuen
Kopfstrümpfe Schoner aus
Polyäthylen buntbedruckte Hosen
Träger hupend du sitzt
Auf dem Freeshirt
Herrscht Michael aus dem Wagen
Da hast du die Schlüssel
Selbst ist die Frau
Wenn der Mann neben ihr sitzt
Und wartet bis sie
Gegen ihn aufkommt
Mit dem Motorrad
Führerschein
Ist die Bundhosen
Falte unterwegs im Grünen
Spannt minutenlang aus greift
In die Satteltasche
Der Gummi der Feldstecher
Nutzt die Gunst der
Beifahrerin auf dem Park
Platz wandert einer
Mit der Karte um die Wette
Auf dem Weg bleiben
Auch die Abweichler
Schimpfen sich ein Volk von
Sportbäuchen und Lederkombis
Einer fährt immer Fahrrad
Für Deutschland
Geht die Sonne im
Osten unter

© 2006 lichtung Verlag, GmbH, Viechtach
AGL, „Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte 1980 – 2005“)

 

Anton G. Leitner:

Was will mir der Herr Nachbar
mit der Säge sagen?

Ich bin
Stärker als der
Wilde

Wuchs.
Ich säge
Den Baum ab

Auf dessen Ast
Du nie mehr
Sitzen wirst.

© 2006 lichtung Verlag, GmbH, Viechtach
AGL, „Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte 1980 – 2005“)

 

Anton G. Leitner:

Das Meer sieht

Das Land mit anderen
Augen. (Der Blick geht

Vom Blau ins Gelb ins
Grün.) Ein bewegtes

Kissen für eine ruhige
Nacht im Schoß.

© 2006 lichtung Verlag, GmbH, Viechtach
AGL, „Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte 1980 – 2005“)

Dieser Beitrag wurde unter Anton G. Leitner, Gedichte, Fluglärm, Protest veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s