Reaktionen auf die Solidaritätserklärung mit den Hausärzten

Liebe Besucherinnen und Besucher,

auf meine Solidaritätserklärung vom 4. Februar 2008 habe ich inzwischen dutzende von eMails aus dem Kreise der Besucherinnen und Besucher dieser Internetseiten erhalten, die mir insbesondere für meine Offenheit danken. Die aufgedeckten Kalkulationen zum Stundenlohn einer bayerischen Kassenärztin im teuren S-Bahnnahbereich von München lösen Entsetzen aus. Nahezu alle, die mir geantwortet haben, beteiligen sich an der Petition gegen den Gesundheitsfonds.

Am Samstag, den 9. Februar 2008 bestätigte übrigens ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit einer Hausärztin und einem Hausarzt (als Aufmacher im Münchner Teil der SZ publiziert) die hier erstmals offenbarten Zahlen. Die beiden interviewten Hausärzte unterschreiten die von mir genannten Werte sogar noch und weisen als Nettostundenlohn für ihre Tätigkeit lediglich 10 Euro aus.

Ich habe meine Solidaritätserklärung auch an die Bundestags- und Landtagsabgeordneten aus meinem Wahlkreis geschickt, u. a. an Ilse Aigner (CSU), Ursula Männle (CSU), Klaus Barthel (SPD) und Martin Zeil (FDP).

Nach und nach ergeben sich jetzt interessante Korrespondenzen und Gespräche. Als erster Politiker reagierte der Weßlinger Bürgermeisterkandidat der Freien Wähler, Michael Muther. Er unterstützt selbst und mit seiner Familie meinen Aufruf.

Danach meldete sich die Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnholzer (SPD) aus Fürstenfeldbruck mit interessanten Sachinformationen und Anregungen. Allerdings sieht sie schwarz, was die Verhinderung des Gesundheitsfonds betrifft. Sie glaubt, dass der Gesundheitsfonds kommt, weil er ja lediglich die Ärzte in zwei Bundesländern benachteilige (bzw. in ihrer Existenz bedrohe), leider halt auch die bayerischen Hausärzte. Eine (nachträgliche) Ablehnung des Gesundheitsfonds sei deshalb unwahrscheinlich. Im übrigen verwies sie auf Landtagsprotokolle, aus denen sich klar und deutlich ergibt, dass sie schon frühzeitig auf die dramatische Situation der Hausärzte in Bayern hingewiesen hat, dabei aber insbesondere bei der CSU-Fachressortministerin Stewens auf taube Ohren gestoßen ist. Sie wird sich weiter für die Belange der Hausärzte in Bayern engagieren, und trifft sich demnächst mit meiner Frau und weiteren Kolleginnen, um im direkten Gespräch mit Praktikern mögliche Verbesserungen oder Lösungswege zu erörtern.

Am Mittwoch, den 20.02.2008 meldete sich bei mir auch die Bundestagsabgeordnete Ilse Aigner (CSU) telefonisch, um sich darüber zu informieren, wo meiner Frau der Schuh drückt. Zunächst zeigte sie sich etwas ungehalten darüber, dass ich auf meiner Homepage geschrieben hatte, die Abgeordneten aus meiner Heimatregion wären offensichtlich nicht bereit, sich mit dem Kulturpreisträger ihres Landkreises bezüglich der Hausärzte-Problematik auszutauschen. Mein Solidaritätsaufruf sei lediglich an „Sehr geehrte Damen und Herren“ adressiert gewesen, nicht an sie persönlich. Hausärzte hätten im übrigen noch andere Einnahmen als die der Kassen, sie selbst arbeite als Abgeordnete auch 60 Stunden die Woche. Auf meinen Einwand, dass sie als Abgeordnete des Deutschen Bundestages aber nicht für 1.300 Euro netto monatlich arbeiten müsse, und auch deutlich weniger Risiko zu tragen habe, als eine Ärztin, reagierte sie verblüfft und auch etwas ungläubig. Ich selbst betonte im Gespräch mit Ilse Aigner, dass es den Hausärzten nicht nur ums Geld gehe, sondern auch um die Tatsache, dass sie von Politik und Krankenkassen zu „Überbringern schlechter Nachrichten“ degradiert würden (siehe unten). Auch das Kassieren der Praxisgebühr von symbolischen 10 Euro belaste das Verhältnis zwischen Patient und Arzt aufs Kleinkarierteste und erhöhe für Arztpraxen zudem deutlich das Risiko, Opfer von Straftaten zu werden. Abschließend meinte Frau Aigner, dass sie selbst nie ein großer Fan des (von ihr mit beschlossenen?) Gesundheitsfonds gewesen sei, an dessen inhaltlicher Ausgestaltung ja auch noch gearbeitet werde.

Martin Zeil von der FDP, der in Presseerklärungen stets seine Solidarität mit den bayerischen (Haus-)Ärzten verkündet, hat auf meinen Aufruf bislang nicht reagiert. Die Nichtreaktion von Zeil spricht nicht gerade für seine Bürgernähe und stimmt mich skeptisch, was den wirklichen Willen der bayerischen FDP zur Verbesserung der Lage für die bayerischen Hausärzte betrifft.

Inzwischen hat sich auch der bayerische Ministerpräsident Beckstein (CSU) mit dem Vorsitzenden der bayerischen Hausärzte getroffen und nach dem Gespräch den Kassen empfohlen, direkt mit den bayerischen Hausärzten zu verhandeln, um besser honorierte Verträge zu erreichen. CSU-Gesundheitspolitiker Zimmermann erklärte in einem Gespräch mit dem Münchner Merkur seine Wandlung vom „Saulus zum Paulus“, räumte schwere Fehler in der Gesundheitspolitik ein, und gelobte Besserung auf der ganzen Linie.

Ich halte es für kein schlechtes Zeichen, dass jetzt einige Politiker damit beginnen, sich bei Praktikern über deren Probleme zu erkundigen oder sogar selbstkritisch schwere Fehler einräumen. Nach meinen ersten persönlichen Erfahrungen bin ich allerdings äußerst skeptisch, ob sie sich wirklich um eine Änderung der Situation bemühen werden, oder ob es sich bei ihrem plötzlichen Engagement lediglich um wahltaktische Ablenkungsmanöver kurz vor den Kommunalwahlen in Bayern handelt. Ich stelle bei meinen Kontakten mit Politikern eine erschreckende Arroganz der Macht fest, eine deutliche Scheu, sich in Zusammenarbeit mit den betroffenen Bürgern selbst um eine konstruktive Verbesserung der Situation zu kümmern.

Natürlich hoffe ich auch, dass ich Sie demnächst an dieser Stelle wieder ausführlich über literarische Themen aus dem mir so nahen Feld der Poesie informieren kann. Aber ich habe lange, viel zu lange, schweigend zugeschaut, wie meine Frau für eine stetig schlechtere Bezahlung immer noch mehr arbeiten musste, dauerschikaniert von ständig neuen Vorgaben einer kafkaesk-unheimlichen Kassenbürokratie, die den Patienten erzählt, „jeder bekommt alles Nötige“, und für solche Versprechungen hinterher die eigenen Vertragsärzte in Regress nimmt und bluten lässt. Ein Kassensystem, das Hausärzte zu Dauerüberbringern schlechter Nachrichten degradiert („nein, dieses Mittel darf ich Ihnen nicht mehr verschreiben, die Krankengymnastik darf ich Ihnen nicht mehr verordnen“ usw.) und zum Kassieren von unsinnigen Praxisgebühren missbraucht, und damit das über viele Jahre gewachsene Grundvertrauen der Patienten in ihre Ärzte zerstört, die Ärzteschaft total frustriert und jeden intelligenten jungen Menschen davor abschreckt, Arzt zu werden.

Nein, ich kann beim besten Willen nicht mehr länger zuschauen und schweigen. Ich werde mich von diesem Thema erst dann sanft „zurückziehen“, wenn eine deutliche Besserung der Situation eingetreten ist.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit,
viele Grüße aus Weßling
und bis ganz bald,

Ihr Anton G. Leitner

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