Die schnelle Generalabsolution

Liebe Besucherinnen und Besucher,

auch viele Besucher meiner Homepage beschäftigt das verspätete SS-Coming-Out von Günter Grass sehr intensiv. „Ich war erstmal fassungslos und kritzelte mir mit Stift und Papier das Unglaubliche von der Seele“, mailt mir zum Beispiel Titus Grall aus Berlin und dichtet: „Geoutet – gehäutet // Katz und Maus / Mußte raus / Spiel ist aus // Echt krass, Mann / Grass, ein SS-Mann // Out“.

Ich finde heute besonders interessant, wie sich enge Weggefährten von Günter Grass in dieser prekären Situation verhalten. Marcel Reich-Ranicki, der sonst ja gerne zu allem und jedem seine oftmals polemischen Kommentare abgibt, entdeckt eine neue Disziplin: Das Schweigen. Und Walter Jens, jener sonst so scharfzüngige und überkritische Rhetoriker aus Tübingen, zweifelt, wenn ich seine Äußerungen recht interpretiere, nicht einen Augenblick lang an der moralischen Integrität des Nobelpreisträgers.

Mir drängt sich allmählich der Verdacht auf, der – kalkulierten? – Selbstentblößung von Günter Grass folgt nun stehenden Fußes der Striptease jener Persönlichkeiten aus seinem Umfeld, die sich bislang so gerne als das personifizierte intellektuelle Gewissen unserer Gesellschaft inszeniert haben.

Seien wir weiter auf der Hut!

Herzliche Grüße
aus Weßling
und bis bald,

Ihr Anton G. Leitner

DAS GEDICHT, Herausgeber

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