Robert Gernhardt ist tot

Die Zeitschrift DAS GEDICHT trauert um ihren Autor und Illustrator Robert Gernhardt. Mit Robert Gernhardt verliert Deutschland eine große lyrische Stimme und einen bedeutenden schwarz-humorigen Zeichner.

Für mich war Robert Gernhardt – neben Ernst Jandl – einer der größten Lyrik-Rezitatoren der Gegenwart. Er verstand es mit seinen Gedichten, die in einer Traditionslinie zu den Texten von Joachim Ringelnatz (der mit Gernhardt die Doppelbegabung des Zeichners teilte), Christian Morgenstern, Klabund und Erich Kästner stehen, sein Publikum so zu fesseln, als läse er aus einem spannenden Kriminalroman vor. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er zum Beispiel beim Lyrik-Festival in Landsberg-am-Lech mit der charmanten Art seines Vortrags Jung und Alt gleichermaßen in den Bann zog.

Ich werde nicht vergessen, wie er mir gegenüber spontan am Telefon zusagte, unser Erotik-Special im Jahr 2000 mit uns zusammen im Münchner Literaturhaus zu präsentieren, zu einem symbolischen Honorar, das wir uns als Kleinverlag leisten konnten. Er wollte sich mit seinem Auftritt auch symbolisch hinter diese Erotik-Nummer stellen, die selbsternannte Sittenwächter (darunter nicht wenige Buchhändler) als Pornografie missverstanden und mit einem Verkaufsboykott belegten. 2002 illustrierte Robert Gernhardt schließlich unsere Jubiläumsausgabe Nr. 10 („Gedichte gegen Gewalt“) und machte uns seine bösen Zeichnungen augenzwinkernd zum Geburtstagsgeschenk.

In vielen Ausgaben unserer Zeitschrift DAS GEDICHT und in den meisten meiner Anthologien bei dtv/Hanser, Reclam und Artemis & Winkler sind Robert Gernhardts Gedichte enthalten.

Ich werde die gemeinsamen Begegnungen, Auftritte, Telefonate und schriftlichen Korrespondenzen mit ihm nicht vergessen und bin dankbar dafür, dass ich mit Robert Gernhardt in den vergangenen 15 Jahren immer wieder zusammenarbeiten durfte. Seine Gedichte leben weiter, natürlich nicht nur in unserer Zeitschrift, sondern vor allem in seinen eigenen Sammlungen, die früher bei Haffmans erschienen und heute bei S. Fischer in Frankfurt am Main vorliegen.

In mehreren Gedichtbänden hat Gernhardt sein Herz- und Krebsleiden minutiös und selbstironisch protokolliert. Glücklicherweise gibt es von vielen seinen Auftritten Mitschnitte, die als CD erschienen sind, so dass seine Stimme lebendig bleibt, nicht nur, aber ganz besonders im poetischen Gedächtnis unseres Landes.

Robert Gernhardt starb nach Angaben seines Verlages S. Fischer (unter Bezugnahme auf seine Ehefrau) im Alter von 68 Jahren heute Früh in Frankfurt am Main.

ANTON G. LEITNER

DAS GEDICHT, Herausgeber

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