Liebe Leserinnen und Leser,
heute lasse ich Sie an dieser Stelle an einer Antwort teilhaben, die eigentlich an Matthias Kehle gerichtet ist. Er betreibt einen Internetblog, auf dem er aus der subjektiven Perspektive eines betroffenen Autors große und kleine Geschehnisse aus dem Bereich der Lyrik kommentiert. Heute schreibt er, warum er unsere Zeitschrift DAS GEDICHT nicht liest. Ich antworte ihm wie folgt:
Sehr geehrter Herr Kehle,
meine seinerzeitige kleine Polemik in DAS GEDICHT gegen Theo Breuer bezog sich auf dessen subjektiv-kritische Arbeitsmethodik, etwa im Umgang mit dem „Jahrbuch der Lyrik“. Ich habe damals lediglich einmal Breuer so subjektiv behandelt, wie er andere zu behandeln pflegt(e). Aber wenn zwei das Gleiche tun, so ist es offensichtlich nicht dasselbe.
Breuer und ich haben übrigens damals die Sache in einem Telefonat abgeklärt und in keiner der folgenden GEDICHT-Ausgaben (die Sie nicht mehr gelesen haben), gab es mehr eine ähnliche Polemik. Wir sind dazu übergegangen, Bücher vorzustellen, die uns lesenswert erscheinen, weil dies in der Tat konstruktiver ist als sich klein-klein gegenseitig niederzuschreiben.
Auch scheinen Sie verdrängt zu haben, dass Sie mir früher mehr als einmal Texte zum Abdruck angeboten haben, auch für Anthologie-Projekte. Ich lade Sie herzlich ein, hier in meinem Verlag einmal ein Praktikum zu absolvieren. Dann lernen Sie meine „Geschäftstüchtigkeit“ und was dahinter steckt, ungefiltert vor Ort kennen. Hinter jedem kleinen wirtschaftlichen Erfolg steckt schlicht und einfach harte Arbeit, ein 12- bis 14-Stundentag an sieben Tagen in der Woche. Ich arbeite vor allem soviel, weil ich unabhängig bleiben will. Mir liegt es nicht, meine Zeit damit zu verschwenden, stattliche staatliche Fördergelder für Lyrikprojekte zu erhaschen, die kein Mensch liest. Ich investiere sie lieber in die Auswahl von Texten, die in der Lage sind, tatsächlich Leserinnen und Leser zu erreichen und auch darauf, unsere Neuerscheinungen an dieselben zu bringen, denn die Leser sind doch die eigentlichen Adressaten unserer Arbeit, nicht andere Autorenkollegen.
Wenn ich einmal nicht mehr genügend Leserinnen und Leser mit DAS GEDICHT oder meinen Anthologien erreiche, werde ich die Zeitschrift höchstwahrscheinlich einstellen und auch aufhören, Sammelbände zu machen. Denn so ein Projekt sollte doch zumindest so viele Leserinnen und Leser erreichen, dass es sich selbst trägt. Warum sollte es der Steuerzahler über Subventionen finanzieren? Einzig und allein dies waren damals meine Bedenken gegen Ihren abstrakten Solidaritätsaufruf für die Literaturzeitschrift „Am Erker“. Wir sollten in so einer Krise, in der „Am Erker“ steckte, nicht nach dem Staat schreien, sondern vor allem selbst etwas konkrets tun, z. B. „Am Erker“ abonnieren. Ich selbst hatte übrigens bis zuletzt z. B. ein „ndl“-Abonnement, weil dies mein eigener Beitrag war, die „ndl“ zu fördern. Leider haben auch im Fall der „ndl“ mehr Leute nach Subventionen gerufen, als die „ndl“ abonniert, sonst gäbe es sie heute noch. „Am Erker“ lebt übrigens heute munter im Münsteraner Daedalus-Verlag weiter, mit dem wir gut und gerne und kollegial zusammenarbeiten.
Ein Verlag ist übrigens qua Definition ein auf „einen wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteter Geschäftsbetrieb“. Ich glaube, so etwas gibt es nur in Deutschland, dass man einem kleinen Unternehmer vorwirft, er sei (im bescheidenen Maße) wirtschaftlich erfolgreich. Bei großen Unternehmen tut man dies seltsamerweise nicht. Kämen Sie auf die Idee, dem Hanser Verlag vorzuwerfen, er sei wirtschaftlich erfolgreich? Ich glaube, das Kennzeichen unserer hiesigen Neidgesellschaft ist es, dass man immer jemandem neidisch ist, von dem man glaubt, dass er einem „nahesteht“, der übernächste (z. B. Hanser) wird vom eigenen Neidradar nicht mehr erfasst.
Die Reihe „Poesie 21“ ist übrigens kein Druckkostenzuschussverlag oder dergleichen, sondern ein Selbstverlagsprojekt der jeweiligen Autoren, das wir mit unserer jahrzehntelangen Erfahrung, die auch viele große Verlage und Institutionen nutzen, begleiten. Die Rechte der Gedichte bleiben bei den Autoren, die diese Bücher selbst und auf eigene Rechnung verkaufen (z. B. auf ihren Lesungen). Wir besorgen lediglich das Lektorat dieser Bände und begleiten deren Autoren auf dem ganzen Weg der Produktion mit Rat und Tat solange, bis sie ihr fertiges Buch in Händen halten und darüber hinaus, auch bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die inhaltliche und technische Qualität dieser Bücher, die in Nördlingen von Steinmeier hergestellt werden (er druckt auch DAS GEDICHT oder die meisten hochwertigen Titel von Kookbooks), ist hoch und die Rezeption vieler Bände dieser Reihe bestätigt dies. Steinmeier sorgt mit seiner Struktur dafür, dass diese Titel auch zusätzlich über den Buchhandel bezogen werden können.
Dass wir in unserer Pressearbeit auch regionale Zeitungen, die Sie pauschal abwerten, berücksichtigen, ist doch selbstverständlich. Da nicht jeder Haushalt in Augsburg, Nürnberg oder im Bayerischen Wald täglich die FAZ liest, erscheint es sinnvoll, auch die dortigen Zeitungen (Augsburger Allgemeine, Nürnberger Nachrichten oder Passauer Neue Presse) einzubinden, um deren Leser für die Sache der Lyrik zu erwärmen.
Nichts für ungut also und begraben wir den Grabenkampf. Die Sache der Lyrik ist es wert und die eigentlichen Poesieleser interessieren sich ohnehin nicht sonderlich für solche literaturbetrieblichen Nabelschauen.
Freundliche Grüße
Anton G. Leitner
Verfasst von Anton G. Leitner
Wenn Sie die Internetseiten von Hugendubel besuchen, sollten Sie sich bei dieser Gelegenheit auch die kompetent betreute Rubrik
Verfasst von Anton G. Leitner
„Ein literarisches und optisches Vergnügen, Gedicht und Collage zugleich“ verspricht der Verlag auf dem Umschlag dieses vierfarbig gedruckten Gedichtbandes und versteigt sich schließlich sogar zu der Aussage, es handle sich dabei um „ein Wunderwerk der poetischen Phantasie“. Eine Zeit-Kritikerin sekundiert: „Diese luftigen, surreal verspielten Texte sind schön, weil ihnen die Erschütterung spürbar vorausgeht.“ Vielleicht haben sich manche Juroren von der großen Lippe des Klappentextes betören lassen; denn nach Veröffentlichung von Müllers BLASSEN HERREN MIT DEN MOKKATASSEN setzte ein warmer Preisregen für die Autorin ein: vom Berliner Literaturpreis über den Würth-Preis für Europäische Literatur bis hin zum Walter-Hasenclever-Literaturpreis reichte der Segen. Nun kann man der 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf (Rumänien) geborenen Schriftstellerin ihr Geschick, mit einem relativ schmalen literarischen Werk maximale Wirkung zu erzielen, nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil. Ihr aktuelles „Wunderwerk“ hätte jedoch schon vor Jahrzehnten gestandenen Dadaisten lediglich ein müdes Gähnen entlockt. Die poetische Methode dahinter ist alt, aber noch immer populär. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die sog. „Kühlschrankpoesie“, bei der vorgegebene Worte mit Magneten auf Kühlschränken fixiert werden. Seminarleiter für kreatives Schreiben schwören oft auf Herta Müllers Technik: Man greife zur Schere, schnipsle einzelne Worte aus verschiedenen Zeitschriften oder Tageszeitungen, bediene sich danach aus dem Versbaukästchen, klebe Zeile für Zeile ein Wort neben das andere – und fertig ist das Gedicht! Der Reiz, den ihre „Schnipsellyrik“ zweifellos entfaltet, liegt im Zusammenwirken von zufälligem und kalkuliertem Worteinsatz durch eine Schriftstellerin, die nicht nur mit der Schere umgehen kann: „mir tickt die Wolke / durch den Kopf und die Stadt / sitzt krötenstill morgens vor / meinem Mantelknopf“.
Verfasst von Anton G. Leitner
„power ist eine schmale Poesiesammlung, eine Brausetablette im Büchermeer, die es in sich hat und jungen Menschen zeigen kann, wie wichtig gute Gedichte heute sind. Keine andere literarische Gattung geht so sorgfältig mit Sprache um wie die Lyrik. Wer Lyrik liest, ist gewappnet für jegliche Form von wertvollen Texten bis hin zum täglichen Sprachmüll. […]. Es sind viele High-speed-Verse dabei, die vom Gasgeben, von Stampeden, von bouncenden Bässen in Bassboxen oder von Propellern, die gesprossen sind an Ober- und Unterschenkeln erzählen: da burnst du baby yeah. Lies doch mal!“, heißt es in der Begründung, die ab November sogar in Buchform nachzulesen ist, nämlich in: Nicola Bardola, „
DAS GEDICHT 17 erscheint mitten im Krisenjahr 2009, zu einem Zeitpunkt, in dem viele andere lyrische Projekte von der Bildfläche zu verschwinden drohen, weil ihre Sponsoren kein Geld mehr haben. Es war immer mein Credo,