Hören wir auf mit dem Klein-Klein. Eine offene Antwort an Matthias Kehle

08. November 2009

 

Liebe Leserinnen und Leser,

heute lasse ich Sie an dieser Stelle an einer Antwort teilhaben, die eigentlich an Matthias Kehle gerichtet ist.  Er betreibt einen Internetblog, auf dem er aus der subjektiven Perspektive eines betroffenen Autors große und kleine Geschehnisse aus dem Bereich der Lyrik kommentiert. Heute schreibt er, warum er unsere Zeitschrift DAS GEDICHT nicht liest. Ich antworte ihm wie folgt:

Sehr geehrter Herr Kehle,

meine seinerzeitige kleine Polemik in DAS GEDICHT gegen Theo Breuer bezog sich auf dessen subjektiv-kritische Arbeitsmethodik, etwa im Umgang mit dem „Jahrbuch der Lyrik“. Ich habe damals lediglich einmal Breuer so subjektiv behandelt, wie er andere zu behandeln pflegt(e). Aber wenn zwei das Gleiche tun, so ist es offensichtlich nicht dasselbe.

Breuer und ich haben übrigens damals die Sache in einem Telefonat abgeklärt und in keiner der folgenden GEDICHT-Ausgaben (die Sie nicht mehr gelesen haben), gab es mehr eine ähnliche Polemik. Wir sind dazu übergegangen, Bücher vorzustellen, die uns lesenswert erscheinen, weil dies in der Tat konstruktiver ist als sich klein-klein gegenseitig niederzuschreiben.

Auch scheinen Sie verdrängt zu haben, dass Sie mir früher mehr als einmal Texte zum Abdruck angeboten haben, auch für Anthologie-Projekte. Ich lade Sie herzlich ein, hier in meinem Verlag einmal ein Praktikum zu absolvieren. Dann lernen Sie meine „Geschäftstüchtigkeit“ und was dahinter steckt, ungefiltert vor Ort kennen. Hinter jedem kleinen wirtschaftlichen Erfolg steckt schlicht und einfach harte Arbeit, ein 12- bis 14-Stundentag an sieben Tagen in der Woche. Ich arbeite vor allem soviel, weil ich unabhängig bleiben will. Mir liegt es nicht, meine Zeit damit zu verschwenden, stattliche staatliche Fördergelder für Lyrikprojekte zu erhaschen, die kein Mensch liest. Ich investiere sie lieber in die Auswahl von Texten, die in der Lage sind, tatsächlich Leserinnen und Leser zu erreichen und auch darauf, unsere Neuerscheinungen an dieselben zu bringen, denn die Leser sind doch die eigentlichen Adressaten unserer Arbeit, nicht andere Autorenkollegen.

Wenn ich einmal nicht mehr genügend Leserinnen und Leser mit DAS GEDICHT oder meinen Anthologien erreiche, werde ich die Zeitschrift höchstwahrscheinlich einstellen und auch aufhören, Sammelbände zu machen. Denn so ein Projekt sollte doch zumindest so viele Leserinnen und Leser erreichen, dass es sich selbst trägt. Warum sollte es der Steuerzahler über Subventionen finanzieren? Einzig und allein dies waren damals meine Bedenken gegen Ihren abstrakten Solidaritätsaufruf für die Literaturzeitschrift „Am Erker“. Wir sollten in so einer Krise, in der „Am Erker“ steckte, nicht nach dem Staat schreien, sondern vor allem selbst etwas konkrets tun, z. B. „Am Erker“ abonnieren. Ich selbst hatte übrigens bis zuletzt z. B. ein „ndl“-Abonnement, weil dies mein eigener Beitrag war, die „ndl“ zu fördern. Leider haben auch im Fall der „ndl“ mehr Leute nach Subventionen gerufen, als die „ndl“ abonniert, sonst gäbe es sie heute noch. „Am Erker“ lebt übrigens heute munter im Münsteraner Daedalus-Verlag weiter, mit dem wir gut und gerne und kollegial zusammenarbeiten.

Ein Verlag ist übrigens qua Definition ein auf „einen wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteter Geschäftsbetrieb“. Ich glaube, so etwas gibt es nur in Deutschland, dass man einem kleinen Unternehmer vorwirft, er sei (im bescheidenen Maße) wirtschaftlich erfolgreich. Bei großen Unternehmen tut man dies seltsamerweise nicht. Kämen Sie auf die Idee, dem Hanser Verlag vorzuwerfen, er sei wirtschaftlich erfolgreich? Ich glaube, das Kennzeichen unserer hiesigen Neidgesellschaft ist es, dass man immer jemandem neidisch ist, von dem man glaubt, dass er einem „nahesteht“, der übernächste (z. B. Hanser) wird vom eigenen Neidradar nicht mehr erfasst.

Die Reihe „Poesie 21“ ist übrigens kein Druckkostenzuschussverlag oder dergleichen, sondern ein Selbstverlagsprojekt der jeweiligen Autoren, das wir mit unserer jahrzehntelangen Erfahrung, die auch viele große Verlage und Institutionen nutzen, begleiten. Die Rechte der Gedichte bleiben bei den Autoren, die diese Bücher selbst und auf eigene Rechnung verkaufen (z. B. auf ihren Lesungen). Wir besorgen lediglich das Lektorat dieser Bände und begleiten deren Autoren auf dem ganzen Weg der Produktion mit Rat und Tat solange, bis sie ihr fertiges Buch in Händen halten und darüber hinaus, auch bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die inhaltliche und technische Qualität dieser Bücher, die in Nördlingen von Steinmeier hergestellt werden (er druckt auch DAS GEDICHT oder die meisten hochwertigen Titel von Kookbooks), ist hoch und die Rezeption vieler Bände dieser Reihe bestätigt dies. Steinmeier sorgt mit seiner Struktur dafür, dass diese Titel auch zusätzlich über den Buchhandel bezogen werden können.

Dass wir in unserer Pressearbeit auch regionale Zeitungen, die Sie pauschal abwerten, berücksichtigen, ist doch selbstverständlich. Da nicht jeder Haushalt in Augsburg, Nürnberg oder im Bayerischen Wald täglich die FAZ liest, erscheint es sinnvoll, auch die dortigen Zeitungen (Augsburger Allgemeine, Nürnberger Nachrichten oder Passauer Neue Presse) einzubinden, um deren Leser für die Sache der Lyrik zu erwärmen.

Nichts für ungut also und begraben wir den Grabenkampf. Die Sache der Lyrik ist es wert und die eigentlichen Poesieleser interessieren sich ohnehin nicht sonderlich für solche literaturbetrieblichen Nabelschauen.

Freundliche Grüße
Anton G. Leitner


Hugendubel-Gedicht des Tages / DAS GEDICHT Clips auf YouTube

11. Oktober 2009

 

Liebe Leserinnen und Leser,

hinweisen möchte ich Sie heute noch auf ein Gewinnspiel, das derzeit die Buchhandlung Hugendubel auf ihrer Internet-Startseite zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT Nr. 17  veranstaltet. Im Rahmen dieser Aktion können Sie Friedrich Ani und mir auch Fragen stellen.

DG17-Cover-9783929433692Wenn Sie die Internetseiten von Hugendubel besuchen, sollten Sie sich bei dieser Gelegenheit auch die kompetent betreute Rubrik „Gedicht des Tages“ anschauen. Bei mir ist es inzwischen zur schönen Gewohnheit geworden, jeden Tag im Büro mit dem Lesen  des dortigen „Gedicht des Tages“ zu beginnen.

Künftig beabsichtigen wir, in unregelmäßigen Abständen Videoclips mit Lyrikern auf YouTube ins Netz zu stellen. Als „Muster“ ist bereits ein erster Lyrik-Clip mit mir online, in dem ich mein Gedicht „Wo waren wir“ rezitiere.

 

Soviel für heute.
Herzliche Grüße aus Weßling
und bis bald wieder an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner


„Wenn Worte leuchten!“ – Ani, Leitner und Schweiggert im Münchner Theaterzelt „Das Schloss“

04. Oktober 2009

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Sonntag, 11. Okt. 2009, 19 Uhr (Einlass: 18 Uhr)
Eintritt: 14,- €; ermäßigt: 12,- €; Schüler und Studenten: 10,- €
Veranstaltungsort:
Theaterzelt DAS SCHLOSS 
Schwere-Reiter-Straße 15, 80637 München
Infos und Tickets: 089/1434080; 089/54818181 (München Ticket);  0180/11001200 (SZ Ticket)
Öffentliche Verkehrsmittel / MVV
Tram: Linie 20 und 21, Haltestelle Leonrodplatz
Linie 12 Haltestelle Leonrodplatz / Infanteriestraße
Bus: Linie 53 Haltestelle Leonrodplatz / Infanteriestraße
Parkmöglichkeiten:
Eigene Parkplätze für PKW und Busse.

Liebe Freundinnen und Freunde der Poesie,

 auch im Namen von meinen Kollegen Friedrich Ani und Alfons Schweiggert möchte ich Sie für kommenden Sonntag um 19 Uhr herzlich zu unserem gemeinsamem Abend der lyrischen Lust ins Münchner Theaterzelt DAS SCHLOSS einladen. Ich würde mich freuen, Sie an diesem ganz besonderen Leseort begrüßen zu dürfen.

Mit Friedrich Ani verbindet mich seit Anfang der 80er eine Freundschaft. Ich habe ihn in einer Zeit kennengelernt, als er noch keine Kriminalromane schrieb, sondern ausschließlich Gedichte. Der Lyriker Friedrich Ani, das wird manche von Ihnen vielleicht überraschen, betrat schon lange vor dem Romancier Ani die literarische Bühne. Friedrich Ani und ich haben gerade zusammen die neueste Ausgabe der Zeitschrift „DAS GEDICHT“ herausgegeben. Die 17. Folge von DAS GEDICHT steht unter dem Thema „Fürchte dich nicht – spiele!“ und ist nach meinem Empfinden eine der spannendsten GEDICHT-Ausgaben überhaupt (hier zum Inhalt/Leseprobe). Die gemeinsame kreative Arbeit rund um das Thema „Angst“ hat uns beiden so viel Vergnügen bereitet, dass wir im Nachgang mehrere gemeinsame Veranstaltungen dazu machen und damit wieder an jene Zeiten anknüpfen, in denen wir als junge Autoren oft und gerne in ganz Deutschland zusammen unterwegs waren.

Das Thema unserer Ausgabe ist derzeit so aktuell, dass es uns geradezu unheimlich stimmt. Denn im neuen GEDICHT thematisiert u. a. ein erfahrener Schulleiter aus NRW, warum sich heute Lehrer vor ihren gewaltbereiten Schüler fürchten und der bayerische evangelische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich hält ein Plädoyer für Zivilcourage. Und die Kinder selbst berichten darin in Versen von gewalttätigen Übergriffen ihrer Mitschüler …

Cover-DG17-blau-75dpiDAS GEDICHT 17 erscheint mitten im Krisenjahr 2009, zu einem Zeitpunkt, in dem viele andere lyrische Projekte von der Bildfläche zu verschwinden drohen, weil ihre Sponsoren kein Geld mehr haben. Es war immer mein Credo, DAS GEDICHT  als eine Art „Publikumszeitschrift für Poesie“ zu betreiben, um es unabhängig von Subventionen überlebensfähig zu halten. Inzwischen hat sich die Lage im Buchhandel kleinen Verlagen gegenüber so drastisch verschärft, dass ich DAS GEDICHT mehr und mehr direkt vertreiben muss.

Nachdem ich jetzt länger ausgeholt habe, um darüber zu schreiben, was mich mit Friedrich Ani verbindet, schließe ich den Bogen, um Ihnen noch zu verraten, was Alfons Schweiggert und ich über das Gedichteschreiben hinaus gemeinsam haben: wir gehören zu den Münchner „Turmschreibern“. Alfons Schweiggert schon seit vielen Jahren, ich selbst seit kurzem (dazu gibt es auch einen eigenen Blogeintrag).

Abschließend weise ich Sie noch auf weitere Veranstaltungen von uns in der nächsten Zeit im Großraum München hin:

19. November 2009, 20 Uhr, Gauting (Kulturforum Don Bosco)
Gedichte vom Werden, Lieben und Vergehen mit Ani/Leitner/Bardola/Laar.

20. November 2009, 19:30 Uhr, Erding (Landkreisbibliothek, Aula Anne-Frank-Gymnasium) Lyriknacht mit Leitner/Steinherr.

1. Dezember 2009, 20 Uhr, München (GAPCafe • Bar • Restaurant)Ani/Bardola/Dobler/Leitner/Ostermaier & Co. präsentieren DAS GEDICHT 17: „Fürchte dich nicht – spiele!“

Ich würde freuen, Sie im Theaterzelt DAS SCHLOSS begrüßen zu dürfen.

Herzliche Grüße aus Weßling, das heute ein kräftiges Sonnenbad nimmt,
und bis bald,
Ihr Anton G. Leitner


Neue Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“ erschienen: Mitherausgeber Friedrich Ani plädiert für mehr Mut in der Gesellschaft

23. September 2009

P r e s s e e r k l ä r u n g

DAS GEDICHT Nr. 17

DAS GEDICHT Nr. 17

(Weßling) – Die buchstarke Jahresschrift „Das Gedicht“ widmet ihre 17. Folge dem Thema Angst. Unter dem Motto „Fürchte dich nicht – spiele!“ präsentieren die Herausgeber Friedrich Ani und Anton G. Leitner 99 Gedichte mit Mut zum Übermut.

77 Lyriker aus allen Generationen weisen poetische Wege aus der Furcht. Das Spektrum reicht vom fünfjährigen Yunus aus Berlin-Kreuzberg über den Münchner Lyrik-Debütanten Leander Beil (geboren 1992) bis zu Friederike Mayröcker (Jahrgang 1924). Die Wiener Grande Dame der Poesie besiegt ihre Todesangst in Versen: „Was für 1 Wunder, dasz ich lebe!“  Der ehemalige DDR-Regimekritiker Lutz Rathenow (Berlin) leistet Amok-Prävention. „Die Krise küsst uns glücklich“, dichtet er und stellt sich so der Rezession. Auch Franzobel, Helmut Krausser, Albert Ostermaier, Matthias Politycki und viele andere beleuchten in ihren neuen Gedichten die verschiedenen Facetten der Angst. Anja Tuckermann, Trägerin des Deutschen Jugendliteraturpreises, steuert ein Bonus-Kapitel mit Texten ganz junger Poeten (zwischen 5 und 11 Jahre) bei.

Friedrich Ani, Mitherausgeber von DAS GEDICHT Nr. 17

"Einbildung ist die Krankheit der Gegenwart" - Friedrich Ani (Mitherausgeber von DAS GEDICHT 17)

„Einbildung ist die Krankheit der Gegenwart“, diagnostiziert Friedrich Ani im Essayteil und stellt fest: „In Wahrheit schreckt uns nicht der Wecker aus dem Schlaf, sondern die Angst, der Tag könnte schneller sein als wir.“ Ani und Leitner fragen Bayerns evangelischen Landesbischof Dr. Johannes Friedrich nach der Notwendigkeit von mehr „Zivilcourage“. Die aktuellen Gewalttaten von Jugendlichen in München-Solln und Ansbach zeigen die Brisanz dieser Thematik. Schulleiter Peter Borjans-Heuser sammelte lange Jahre praktische Erfahrungen in der Konfliktintervention mit aggressiven Teenagern. In seinem Aufsatz für die Zeitschrift „Das Gedicht“ ergründet er, warum sich Lehrer heute vor ihren Schülern fürchten.

Als erfahrener Lyrikherausgeber kennt auch Anton G. Leitner existenzielle Ängste. Seit 17 Jahren trotzt er der zunehmenden Kommerzialisierung in der Buchbranche. „Wer nichts wagt, gewinnt nichts, im realen Leben wie in der Poesie“, lautet bis heute sein Credo.

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe

(Das Gedicht Nr. 17 / 2009/2010: „Fürchte dich nicht – spiele!“, herausgegeben von Friedrich Ani und Anton G. Leitner, Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2009, 165 Seiten, 12,- Euro, ISBN 978-3-929433-69-2; Internet: www.DasGedicht.de und www.AntonLeitner.de)


„Schluss mit Solidarität!“

20. September 2009

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Weßling, den 20./21. September 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

auch am Sonntag bin ich wieder einmal in meinem Verlag und dort mit der Auslieferung der druckfrischen Ausgabe von DAS GEDICHT Nr. 17 beschäftigt. Und einmal mehr gehe ich nur in Gedanken mit meiner Mittelschnauzerin Nelly um den idyllischen Weßlinger See  spazieren, der nur wenige hundert Meter von meinen Verlagsräumen entfernt liegt. Hat aber auch vielleicht sein Gutes, dann muss ich mich nicht über das aggressive Plakat eines Milchbauern ärgern, der, wie ein Blick in die einschlägige Suchmaschine  zeigt, allein schon im vergangenen Jahr von der EU Subventionen in einer Höhe bezogen hat, die an das Jahresgehalt eines Normalverdieners grenzen.

Nun bin ich der Letzte, der den Milchbauern keine fairen Preise für ihre Milch zahlen möchte, aber wenn ich im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung lese, dass auch Milchbauern aus unserer Region Milch mit dem Güllewagen aufs Feld fahren und dort bis zu 70.000 Liter aus Protest verschütten, während anderswo auf der Welt tausende von Menschen verhungern, dann bin ich fassungslos. Und dann reut mich jeder Cent, der auch aus meinem nicht minder hart verdientem Geld „Landwirten“ wie diesen zufließt und ich ärgere mich noch mehr darüber, dass zu solchen wahnsinnigen Aktionen kein Kirchenmann oder Politiker klar und deutlich Stellung bezieht. Deshalb tue ich es wenigstens auf meinem Blog: Den Landwirten, die mit solch einer Verachtung und Respektlosigkeit mit Lebensmitteln umgehen, gehört der Geldhahn aus Brüssel abgedreht. Und zwar so schnell wie möglich.

 Bevor ich mich aber noch weiter erbose, vielleicht auch, weil ich so der Auslieferungsarbeit zu entkommen hoffe, kann ich noch über erste Sofort-Reaktionen von Leserinnen und Lesern auf die neue GEDICHT-Ausgabe Nr. 17 berichten.

 „Einmal ist Schluss, weil man/frau kann nicht überall mitmischen und unterstützen; es gibt leider kein Miteinander und keine Solidarität“, mailt eine Abonnentin und lässt ihrer Behauptung gleich Taten folgen, nämlich die Kündigung. „Die Mayröcker interessiert mich überhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass von ihren zigtausenden von Gedichten 95% geistloses und überflüssiges Geschwätz sind“, mailt mir ein anderer Leser. Eine weitere Leserin erkundigt sich nach unseren Aufnahmekriterien, weil sie eigentlich der Meinung sei, dass es auch ihre Gedichte verdient hätten, im neuen GEDICHT zu stehen.

Angesichts der Tatsache, dass in der neuen GEDICHT-Ausgabe über acht Monate Arbeitszeit stecken, tun solche Spontanreaktionen, die vielleicht auch aus der Verärgerung heraus entstanden sind, nicht selbst in der Ausgabe vertreten zu sein, natürlich sehr weh. Denn insbesondere von Kolleginnen und Kollegen würde ich mir einen respektvolleren und sensibleren Umgang mit der literarischen Arbeit anderer wünschen. Friederike Mayröcker gehört ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten lebenden Lyrikerinnen aus unserem Sprachkreis, an ihre Wortmacht, ihren Wortschatz und ihr Reflexionsvermögen kann nur ein Bruchteil all jener Zeitgenossen, die mehr oder weniger erfolgreich Gedichte schreiben, rühren.

Ich denke, wir sind ohnehin schon eine vom Neid infizierte Gesellschaft, wir sollten es uns deshalb insbesondere als Lyriker gönnen, uns an den Texten anderer zu erfreuen und sie zu genießen. Ich lese gerne den SPIEGEL, egal, ob ich selber drinstehe oder nicht, und habe, das sei an dieser Stelle auch einmal gesagt, in den ersten zehn Jahrgängen meiner Zeitschrift DAS GEDICHT kein einziges Gedicht von mir darin veröffentlicht. Ich tat dies erst, als meine Gedichte in Standardwerke wie Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ (herausgegeben von Prof. Wulf Segebrecht) oder in „Das große deutsche Gedichtbuch“ von Professor Karl Otto Conrady aufgenommen wurden, dem ich bei dieser Gelegenheit ganz herzlich zum renommierten „Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik“ für seine Gedicht-Anthologie Lauter Lyrik – Der Hör-Conrady“  gratuliere. Conrady hat seit  jeher plural getickt, er nahm mich 2000 erstmals in seine Sammlung auf, obwohl wir gerade damals manch kritischen Disput miteinander geführt haben. Aber ein Mann wie er hat sich von solchen Differenzen nicht abhalten lassen, ohne Ansehen der Person, zu tun, was er für richtig hielt. Denn im Zentrum seiner Arbeit standen und stehen immer nur die Texte, d. h. Gedichte selbst und nicht deren Verfasser oder seine persönliche Beziehung zu ihnen. Einzig und allein so kann ein Herausgeber Bücher machen, die dann auch wirklich gelesen werden.

Aber selbstverständlich will ich Ihnen an dieser Stelle auch nicht die ersten positiven Reaktionen auf die neue GEDICHT-Folge vorenthalten. Eine Leserin war so begeistert von der lyrischen Behandlung des Themenkomplexes Angst-Gewalt und „poetische Prävention“, dass sie spontan 100 Exemplare der Ausgabe nachgeordert hat, um sie insbesondere an Gymnasien zu verschenken. Und ein Kollege aus der Buchbranche war so angetan von Ausstattung und Auswahl der aktuellen Folge, dass er für sein Haus sofort die Umschlagseite 4 von DAS GEDICHT 18 (2010) reservierte.

Mir persönlich würde es sicherlich finanziell besser gehen, wenn ich DAS GEDICHT  nicht verlegen würde. Denn fast alle Mittel, die ich als Herausgeber und Autor mit anderen Projekten verdiene, fließen in die Zeitschrift. Trotzdem möchte ich keines der 17 existentiellen Arbeitsjahre missen, die ich bislang in mein Herzblatt investiert habe.

Und ich bin überzeugt davon, dass DAS GEDICHT als „Publikumszeitschrift für Lyrik“ heute notweniger ist denn je, da es nach wie vor in der Lage ist, Lyrik in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Auch insoweit unterscheidet es sich von manch einem insiderhaft betriebenen Kraut-und-Rüben-Poesieprojekt im Internet. Aber selbstverständlich gibt es im Netz auch Portale für deutschsprachige Lyrik und ihre Diskussion, die seriös, jenseits des gegenseitigen Schulterklopfens, und vor allem mit redaktionellem Sachverstand betrieben werden. Allen voran der von Andreas Heidtmann verantwortete Poetenladen.

Nachtrag vom 21. September 2009: Einen etwas junggermanistisch angehauchten Streifzug durch die Lyrik im Netz unternahm dieser Tage übrigens die Online-Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. Auch wenn ihr Flanuer offensichtlich einäugig (d. h. mit  mindestens einer literaturbetriebsbedingten Scheuklappe) unterwegs ist, bestätigt er im Wesentlichen meine „Kraut & Rüben-These“ - wobei er im Bezug auf den Poetenladen auf eine andere Wertung kommt als ich. Jedenfalls ist es amüsant, die mit ins Netz gestellten Kommentare zu lesen. Irgendwie erinnern sie an eine Auseinandersetzung unter frühpensionierten Laubenkolonisten oder an den Protest von Milchbauern (siehe oben).

So, jetzt aber gleich wieder zurück an den Packtisch und bloß nicht die Bodenhaftung verlieren ;-)

Herzliche Grüße aus Weßling
und bald wieder an dieser Stelle
Ihr Anton G. Leitner