Hören wir auf mit dem Klein-Klein. Eine offene Antwort an Matthias Kehle
08. November 2009
Liebe Leserinnen und Leser,
heute lasse ich Sie an dieser Stelle an einer Antwort teilhaben, die eigentlich an Matthias Kehle gerichtet ist. Er betreibt einen Internetblog, auf dem er aus der subjektiven Perspektive eines betroffenen Autors große und kleine Geschehnisse aus dem Bereich der Lyrik kommentiert. Heute schreibt er, warum er unsere Zeitschrift DAS GEDICHT nicht liest. Ich antworte ihm wie folgt:
Sehr geehrter Herr Kehle,
meine seinerzeitige kleine Polemik in DAS GEDICHT gegen Theo Breuer bezog sich auf dessen subjektiv-kritische Arbeitsmethodik, etwa im Umgang mit dem „Jahrbuch der Lyrik“. Ich habe damals lediglich einmal Breuer so subjektiv behandelt, wie er andere zu behandeln pflegt(e). Aber wenn zwei das Gleiche tun, so ist es offensichtlich nicht dasselbe.
Breuer und ich haben übrigens damals die Sache in einem Telefonat abgeklärt und in keiner der folgenden GEDICHT-Ausgaben (die Sie nicht mehr gelesen haben), gab es mehr eine ähnliche Polemik. Wir sind dazu übergegangen, Bücher vorzustellen, die uns lesenswert erscheinen, weil dies in der Tat konstruktiver ist als sich klein-klein gegenseitig niederzuschreiben.
Auch scheinen Sie verdrängt zu haben, dass Sie mir früher mehr als einmal Texte zum Abdruck angeboten haben, auch für Anthologie-Projekte. Ich lade Sie herzlich ein, hier in meinem Verlag einmal ein Praktikum zu absolvieren. Dann lernen Sie meine „Geschäftstüchtigkeit“ und was dahinter steckt, ungefiltert vor Ort kennen. Hinter jedem kleinen wirtschaftlichen Erfolg steckt schlicht und einfach harte Arbeit, ein 12- bis 14-Stundentag an sieben Tagen in der Woche. Ich arbeite vor allem soviel, weil ich unabhängig bleiben will. Mir liegt es nicht, meine Zeit damit zu verschwenden, stattliche staatliche Fördergelder für Lyrikprojekte zu erhaschen, die kein Mensch liest. Ich investiere sie lieber in die Auswahl von Texten, die in der Lage sind, tatsächlich Leserinnen und Leser zu erreichen und auch darauf, unsere Neuerscheinungen an dieselben zu bringen, denn die Leser sind doch die eigentlichen Adressaten unserer Arbeit, nicht andere Autorenkollegen.
Wenn ich einmal nicht mehr genügend Leserinnen und Leser mit DAS GEDICHT oder meinen Anthologien erreiche, werde ich die Zeitschrift höchstwahrscheinlich einstellen und auch aufhören, Sammelbände zu machen. Denn so ein Projekt sollte doch zumindest so viele Leserinnen und Leser erreichen, dass es sich selbst trägt. Warum sollte es der Steuerzahler über Subventionen finanzieren? Einzig und allein dies waren damals meine Bedenken gegen Ihren abstrakten Solidaritätsaufruf für die Literaturzeitschrift „Am Erker“. Wir sollten in so einer Krise, in der „Am Erker“ steckte, nicht nach dem Staat schreien, sondern vor allem selbst etwas konkrets tun, z. B. „Am Erker“ abonnieren. Ich selbst hatte übrigens bis zuletzt z. B. ein „ndl“-Abonnement, weil dies mein eigener Beitrag war, die „ndl“ zu fördern. Leider haben auch im Fall der „ndl“ mehr Leute nach Subventionen gerufen, als die „ndl“ abonniert, sonst gäbe es sie heute noch. „Am Erker“ lebt übrigens heute munter im Münsteraner Daedalus-Verlag weiter, mit dem wir gut und gerne und kollegial zusammenarbeiten.
Ein Verlag ist übrigens qua Definition ein auf „einen wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteter Geschäftsbetrieb“. Ich glaube, so etwas gibt es nur in Deutschland, dass man einem kleinen Unternehmer vorwirft, er sei (im bescheidenen Maße) wirtschaftlich erfolgreich. Bei großen Unternehmen tut man dies seltsamerweise nicht. Kämen Sie auf die Idee, dem Hanser Verlag vorzuwerfen, er sei wirtschaftlich erfolgreich? Ich glaube, das Kennzeichen unserer hiesigen Neidgesellschaft ist es, dass man immer jemandem neidisch ist, von dem man glaubt, dass er einem „nahesteht“, der übernächste (z. B. Hanser) wird vom eigenen Neidradar nicht mehr erfasst.
Die Reihe „Poesie 21“ ist übrigens kein Druckkostenzuschussverlag oder dergleichen, sondern ein Selbstverlagsprojekt der jeweiligen Autoren, das wir mit unserer jahrzehntelangen Erfahrung, die auch viele große Verlage und Institutionen nutzen, begleiten. Die Rechte der Gedichte bleiben bei den Autoren, die diese Bücher selbst und auf eigene Rechnung verkaufen (z. B. auf ihren Lesungen). Wir besorgen lediglich das Lektorat dieser Bände und begleiten deren Autoren auf dem ganzen Weg der Produktion mit Rat und Tat solange, bis sie ihr fertiges Buch in Händen halten und darüber hinaus, auch bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die inhaltliche und technische Qualität dieser Bücher, die in Nördlingen von Steinmeier hergestellt werden (er druckt auch DAS GEDICHT oder die meisten hochwertigen Titel von Kookbooks), ist hoch und die Rezeption vieler Bände dieser Reihe bestätigt dies. Steinmeier sorgt mit seiner Struktur dafür, dass diese Titel auch zusätzlich über den Buchhandel bezogen werden können.
Dass wir in unserer Pressearbeit auch regionale Zeitungen, die Sie pauschal abwerten, berücksichtigen, ist doch selbstverständlich. Da nicht jeder Haushalt in Augsburg, Nürnberg oder im Bayerischen Wald täglich die FAZ liest, erscheint es sinnvoll, auch die dortigen Zeitungen (Augsburger Allgemeine, Nürnberger Nachrichten oder Passauer Neue Presse) einzubinden, um deren Leser für die Sache der Lyrik zu erwärmen.
Nichts für ungut also und begraben wir den Grabenkampf. Die Sache der Lyrik ist es wert und die eigentlichen Poesieleser interessieren sich ohnehin nicht sonderlich für solche literaturbetrieblichen Nabelschauen.
Freundliche Grüße
Anton G. Leitner
Premierenlesung aus DAS GEDICHT 17 in Wien
06. November 2009
Herzliche Einladung in die Alte Schmiede Wien
zur Präsentation von DAS GEDICHT 17 (Fürchte dich nicht – spiele!).
Es lesen: Friedrich Ani (München), Alex Dreppec (Darmstadt),
Anton G. Leitner (Weßling bei München), Gerhard Rühm (Köln-Wien) und Mario Wirz (Berlin).
Dienstag, 10. November 2009, 19:00 Uhr
Alte Schmiede, Kunstverein Wien (Literarisches Quartier),
Schönlaterngasse 9, A-1010 Wien
Freier Eintritt
Weßling, den 6.11.2009
Liebe Freundinnen und Freunde der Poesie,
auch im Namen von meinem Mitherausgeber Friedrich Ani möchte ich Sie für kommenden Dienstag, den 10. November 2009 um 19 Uhr ganz herzlich zur Lesung / Buchpremiere unserer gemeinsamen Ausgabe von DAS GEDICHT (Nr. 17, „Fürchte dich nicht – spiele!“) in die Alte Schmiede nach Wien einladen.
Friedrich Ani und ich mögen Wien besonders gern und freuen uns deshalb außerordentlich, dass wir DAS GEDICHT 17 zuerst in der Donaumetropole vorstellen können.
Dr. Kurt Neumann von der Alten Schmiede hat uns die Möglichkeit geboten, Autoren in Wien auftreten zu lassen, die die ganze Bandbreite der Zeitschrift DAS GEDICHT verkörpern. Slammer Alex Dreppec ist einer der wichtigsten Repräsentanten der deutschen Spoken-Word-Szene. Der Berliner Dichter Mario Wirz zeichnet sich durch eine klare lyrische Sprache aus; seine Gedichte sind kraftvolle und radikale Bekenntnisse zum Leben. Gerhard Rühm ist einer der Altmeister der „Wiener Gruppe“; in seinen Gedichten betont er insbesondere die visuellen und akustischen Momente der Sprache.
Die ausgewählten Autoren sollen insbesondere den entdeckungsfreudigen und generationsübergreifenden Ansatz unserer Edition unterstreichen. „Die Zeitschrift DAS GEDICHT ist von allen Lyrik-Publikationen die innovativste und lebendigste, weil sie nicht auf eine bestimmte Art der Lyrik festgelegt ist. DAS GEDICHT pflegt den lyrischen Pluralismus“, heißt es in einer aktuellen Hörfunkkritik des Berliner ARD-Senders RBB kulturradio vom 22.10.2009.
Auch an der neuen Ausgabe von DAS GEDICHT haben wieder etliche Wiener Lyriker mitgearbeitet, u. a. Manfred Chobot, Franzobel, Rudolf Kraus, Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm und Robert Schindel.
Es wäre schön, wenn wir Sie am kommenden Dienstag um 19 Uhr in der Alten Schmiede in Wien persönlich begrüßen dürften. Ich bin schon neugierig auf spannende Begegnungen rund um die Poesie.
Mit herzlichen Grüßen, auch von Friedrich Ani,
und bis bald,
Anton G. Leitner
Dienstag, 10. November 2009, 19:00 Uhr
Alte Schmiede, Kunstverein Wien (Literarisches Quartier)
Schönlaterngasse 9, A-1010 Wien
Eintritt frei
DAS GEDICHT. Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik (Weßling bei München, gegründet 1993)• Reihe Literaturzeitschriften XXV • Es lesen FRIEDRICH ANI (München) • ALEX DREPPEC (Darmstadt) • ANTON G. LEITNER (Weßling b. München) • GERHARD RÜHM (Köln–Wien) • MARIO WIRZ (Berlin) • Anton G. Leitner (Herausgeber) führt durch den Abend und stellt mit Friedrich Ani die Ausgabe Nr.17 (Herbst 2009) der Zeitschrift vor: Fürchte dich nicht, spiele! • Beitrag der Alten Schmiede zur Lesefestwoche BUCH WIEN 09
DAS GEDICHT bietet eine internationale Hintergrundberichterstattung rund um die zeitgenössische Poesie. DAS GEDICHT stellt Erstveröffentlichungen namhafter und weniger bekannter Autoren vor. Daneben reflektieren Essays, Interpretationen, Portraits und Interviews den augenblicklichen Stand der Lyrik in Literatur und Gesellschaft. DAS GEDICHT enthält außerdem alle zwei Jahre eine kommentierte Bibliographie aller wesentlichen Neuerscheinungen.
In der neuesten Ausgabe der Zeitschrift weisen 77 namhafte Schriftstellerinnen und Schriftsteller (darunter Franzobel, Helmut Krausser, Friederike Mayröcker, Matthias Politycki, Gerhard Rühm, Robert Schindel) poetische Wege aus der Angst und beweisen Mut zum Übermut, lassen die Sprachlust aufleben. „Es ist so still wenn die angst ihre / knopfaugen öffnet“, schreibt Albert Ostermaier, aber Ilma Rakusa hat schon Verse gegen die Angst parat: „Schaue das Meer / rieche das Gras / kränke kein Kind / iss keinen Frass“.
Friedrich Ani, *1959 in Kochel, lebt in München. Von ihm erschienen zahlreiche Romane, u.a. German Angst, Süden und der Luftgitarrist, Hinter blinden Fenstern und der Gedichtband Mitschnitt. Als Drehbuchautor erfand er für das ZDF die Figur der Privatdetektivin Franziska Luginsland (Katja Flint). Außerdem schrieb er für die TV-Reihen Tatort, Stahlnetz, Ein Fall für zwei, u. a. www.Friedrich-Ani.de
Alex Dreppec, *1968 in Jugenheim (Bergstraße), lebt in Darmstadt. Studium der Psychologie, Promotionsstipendiat des Landes Hessen. 1995 Veröffentlichung von Popmusik, seit Ende 2000 Teilnahme an Poetry Slams, Poetry-Slam-Champion in zahlreichen Städten. Einer der Organisatoren und Moderatoren der regelmäßig ausverkauften „Darmstädter Dichterschlacht“, Leiter von Schreibwerkstätten u. a. an Schulen und Universitäten, Auftritte in Radio und Fernsehen (Arte, MDR, HR1, WDR). 2001 Lyrikseminar-Stipendiat der Zeitschrift DAS GEDICHT, 2004 Preisträger des „Wilhelm-Busch-Preises für satirische und humoristische Versdichtung“ (1. Preis). Veröffentlichungen u. a. in Literaturzeitschriften, Anthologien und auf CDs. 2003 erschien der Lyrikband Die Doppelmoral des devoten Despoten, 2006 die Solo-CD Metakekse. www.dreppec.de
Anton G. Leitner, *1961 in München, ist examinierter Jurist. 1993 gab er die Beamtenlaufbahn auf, um sich im Hauptberuf der Poesie und ihrer Vermittlung zu widmen. Er lebt als Schriftsteller, Herausgeber, Verleger und Rezitator in Weßling. 1992 gründete er die Zeitschrift Das Gedicht, mit der es ihm immer wieder gelingt, Resonanz in größerem Rahmen zu erzielen. Hg. u. a. von SMS-Lyrik (dtv/Hanser), Musik-Poesie-CD Herzenspoesie (mit Anna Thalbach und Alexander Khuon), Lyrikserie bei dtv (2009). Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte (Gedichte aus 25 Jahren). www.AntonLeitner.de (Blog) und www.DasGedicht.de
Gerhard Rühm, *1930 in Wien, Klavier- und Kompositionsstudium an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst. Er lebte von 1964 bis 1977 in West-Berlin, seitdem als Schriftsteller, bildender Künstler, Theater- und Hörspielautor, Lyriker, Komponist, Interpret seiner Werke und Performancekünstler, Zeichner, Maler, Collagist in Köln. Von 1972 bis 1995 Professur für freie Grafik an der Staatlichen Kunsthochschule in Hamburg. Hörspielpreis der Kriegsblinden 1983. 1991 Ehrenmedaille in Gold der Stadt Wien, Großer Staatspreis für Literatur der Republik Österreich. Die 2005 im Berliner Parthas Verlag begonnene Ausgabe der Gesammelten Werke wird nun von Matthes & Seitz Berlin fortgeführt.
Mario Wirz, *1956 in Marburg an der Lahn, lebt in Berlin. Nach dem Abitur Schauspielausbildung in Berlin, Engagement an der Vagantenbühne in Berlin. 1981 bis 1984 am Jugendtheater Kiel, danach Autor, Regisseur und Schauspieler bei verschiedenen Projekten, seit 1988 als freier Schriftsteller in Berlin. Verfasser mehrerer Theaterstücke. Veröffentlichungen: Und Traum zerzaust dein Haar. Nachtgedichte (1982); All die vielen Nachtschritte. Gedichte ohne Illusionen (1984); Es ist spät, ich kann nicht atmen. Ein nächtlicher Bericht (1992, 2005); Ich rufe die Wölfe. Gedichte (1993); Biographie eines lebendigen Tages (1994); Das Herz dieser Stunde. Gedichte (1997); Folge dem Fieber und tanze. Briefe zwischen Alltag, Sex, Kunst und Tod (1998); Umarmungen am Ende der Nacht. Erzählungen (1999, 2004); Sieben Leben hat die Woche. Gedichte (2003); Sturm vor der Stille. Gedichte (2006); Nachrichten von den Geliebten (2009).
(Auszug aus dem Programm November, Dezember 2009 der Alten Schmiede)
Hugendubel-Gedicht des Tages / DAS GEDICHT Clips auf YouTube
11. Oktober 2009
Liebe Leserinnen und Leser,
hinweisen möchte ich Sie heute noch auf ein Gewinnspiel, das derzeit die Buchhandlung Hugendubel auf ihrer Internet-Startseite zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT Nr. 17 veranstaltet. Im Rahmen dieser Aktion können Sie Friedrich Ani und mir auch Fragen stellen.
Wenn Sie die Internetseiten von Hugendubel besuchen, sollten Sie sich bei dieser Gelegenheit auch die kompetent betreute Rubrik „Gedicht des Tages“ anschauen. Bei mir ist es inzwischen zur schönen Gewohnheit geworden, jeden Tag im Büro mit dem Lesen des dortigen „Gedicht des Tages“ zu beginnen.
Künftig beabsichtigen wir, in unregelmäßigen Abständen Videoclips mit Lyrikern auf YouTube ins Netz zu stellen. Als „Muster“ ist bereits ein erster Lyrik-Clip mit mir online, in dem ich mein Gedicht „Wo waren wir“ rezitiere.
Soviel für heute.
Herzliche Grüße aus Weßling
und bis bald wieder an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner
„Wir sind Päpstin!“ Viel dekorierte deutsche Autorin Herta Müller mit Nobelpreis ins Ziel eingelaufen
11. Oktober 2009
Liebe Leserinnen und Leser,
als am Dienstag, den 7. Oktober 2009 Literaturpreisskeptiker Eckard Henscheid im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters den bayerischen Jean-Paul-Preis für sein Lebenswerk entgegennahm, thematisierte der solchermaßen Geehrte in der Dankesrede sein ambivalentes Verhältnis zu Preisvergaben dieser Art. So kann ich Henscheid nur beipflichten, wenn er registriert, dass es immer mehr Literaturpreise gibt. Und diese inflationären und teilweise üppig ausgestatteten Preise werden seltsamerweise zum überwiegenden Teil an die immer gleichen Schriftsteller vergeben. Denn wenn ein Literat schon fünf Preise erworben hat, kann die Jury nichts falsch machen, wenn sie ihm auch noch den sechsten Preis verleiht und so weiter und so fort.
Kaum eine Jury traut sich heute noch ein wirklich eigenes Urteil zu, man setzt lieber auf „bewährte Namen“, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Diese durch fehlenden Mut bestimmte Vergabepraxis von Kunst- und Kulturpreisen führt, ein wenig überspitzt gesagt, dazu, dass „clevere“ Autorinnen und Autoren sich strategisch genauestens über die Zusammensetzung von Jurys informieren und schon im Vorfeld einiges unternehmen, um entsprechende Juroren für sich und ihr Werk zu erwärmen. Wer einmal selbst in Jurys mitgewirkt hat, kann über dieses Phänomen einige Anekdoten zum Besten geben, auch über das zwischen Demut / Anbiederung und Hochmut / Distanz chargierende Verhalten von Künstlern vor und nach der jeweiligen Auszeichnung. Ich selbst meine, dass man manchen literarischen Werken hierzulande fast anlesen kann, dass sie im Hinblick auf eine spätere Preisverleihung oder Stipendienvergabe verfasst worden sind.
Und es sollte uns allen zu denken geben, dass es hierzulande einzelne Autoren gibt, die inzwischen weit mehr als 200 Literaturpreise eingeheimst haben − wenn ich Eckard Henscheid richtig verstanden habe, gehört dazu auch allen voran Günter Grass.
Nun ist es mir, als ich erfahren habe, dass die deutsche Schriftstellerin Herta Müller den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhält, in etwa so ergangen wie nach der Wahl von Josef Kardinal Ratzinger zum Papst: Im ersten Moment habe ich mich gefreut, danach aber ist bei mir sehr schnell ein Stadium der Ernüchterung und Skepsis eingetreten. Denn mehr als einmal habe ich mich als Katholik für Entscheidungen von Papst Benedikt XVI zutiefst geschämt, seien es Äußerungen zu Homosexuellen, zur Schwangerschaftsberatung, unglückliche Berufungen von „Hardlinern“ zu Bischöfen oder Kardinälen oder Rehabilitierungen stockkonservativer Kleriker, unter ihnen ein Holocaust-Leugner, dies nur einzelne Glieder aus einer ganzen Kette von Peinlichkeiten.
Nun will ich Herta Müller nicht über einen Kamm mit Papst Benedikt scheren. Ich gratuliere ihr herzlich zum Erhalt des diesjährigen Nobelpreises für Literatur. Aber natürlich ist es erlaubt, sie als Autorin in Kontext zu setzen mit Dichtern, die den Nobelpreis für Literatur nicht erhalten haben. Unter den Lyrikern allen voran Giuseppe Ungaretti, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, unter den großen Prosaikern Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.
Als Herausgeber der Zeitschrift DAS GEDICHT kann ich in erster Linie nur etwas zu Herta Müllers lyrischem Werk sagen, und stelle aus aktuellem Anlass Auszüge aus unserer Kritik zu Herta Müllers Gedichtband DIE BLASSEN HERREN MIT DEN MOKKATASSEN (Carl Hanser Verlag, München und Wien 2005) hier online (Quelle: DAS GEDICHT Nr. 14, Weßling 2006):
„Ein literarisches und optisches Vergnügen, Gedicht und Collage zugleich“ verspricht der Verlag auf dem Umschlag dieses vierfarbig gedruckten Gedichtbandes und versteigt sich schließlich sogar zu der Aussage, es handle sich dabei um „ein Wunderwerk der poetischen Phantasie“. Eine Zeit-Kritikerin sekundiert: „Diese luftigen, surreal verspielten Texte sind schön, weil ihnen die Erschütterung spürbar vorausgeht.“ Vielleicht haben sich manche Juroren von der großen Lippe des Klappentextes betören lassen; denn nach Veröffentlichung von Müllers BLASSEN HERREN MIT DEN MOKKATASSEN setzte ein warmer Preisregen für die Autorin ein: vom Berliner Literaturpreis über den Würth-Preis für Europäische Literatur bis hin zum Walter-Hasenclever-Literaturpreis reichte der Segen. Nun kann man der 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf (Rumänien) geborenen Schriftstellerin ihr Geschick, mit einem relativ schmalen literarischen Werk maximale Wirkung zu erzielen, nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil. Ihr aktuelles „Wunderwerk“ hätte jedoch schon vor Jahrzehnten gestandenen Dadaisten lediglich ein müdes Gähnen entlockt. Die poetische Methode dahinter ist alt, aber noch immer populär. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die sog. „Kühlschrankpoesie“, bei der vorgegebene Worte mit Magneten auf Kühlschränken fixiert werden. Seminarleiter für kreatives Schreiben schwören oft auf Herta Müllers Technik: Man greife zur Schere, schnipsle einzelne Worte aus verschiedenen Zeitschriften oder Tageszeitungen, bediene sich danach aus dem Versbaukästchen, klebe Zeile für Zeile ein Wort neben das andere – und fertig ist das Gedicht! Der Reiz, den ihre „Schnipsellyrik“ zweifellos entfaltet, liegt im Zusammenwirken von zufälligem und kalkuliertem Worteinsatz durch eine Schriftstellerin, die nicht nur mit der Schere umgehen kann: „mir tickt die Wolke / durch den Kopf und die Stadt / sitzt krötenstill morgens vor / meinem Mantelknopf“.
Wirklich überrascht war ich von der Entscheidung des Nobelpreiskomitees für Herta Müller also nicht. Aber in das unumschränkte Jubelgetöse unserer Feuilletonisten, von denen übrigens nicht wenige selbst in wichtigen literarischen Jurys sitzen, kann und will ich nicht mit einstimmen. Im Gegenteil: Mich ärgert die gerade von Henscheid beklagte Methodik der Preisvergabe, die bei regionalen Preisen beginnt und bei den ganz großen Preisen endet und bei der die ganz Großen der Literatur nicht selten leer ausgehen, etwa aus Neid, weil sie mit ihren Werken auch im Stande sind, ein großes Publikum zu begeistern, seien es Max Frisch oder Giuseppe Ungaretti, von dem manche Verse in Italien bis heute viel zitiertes Allgemeingut sind. Und wenn ich wahrnehme, dass nicht wenige Stipendien und kleinere Literaturpreise inzwischen auch gerne an die Kinder von bekannten Autoren vergeben werden (ich spare mir jetzt, sie namentlich an den Prager zu stellen, aufmerksamen Lesern werden deren Familiennamen beim Lesen entsprechender Meldungen ohnehin bekannt vorkommen), dann kann ich Henscheids indirekten Appell an Juroren, bei ihren Entscheidungen mehr Mut zu zeigen nur zustimmen. Denn nichts als das literarische Werk selbst wird letzten Endes darüber entscheiden, ob es in hundert oder tausend Jahren noch Menschen gibt, die es lesen. Homer, Horaz, Catull, Sappho & Co. haben dazu jedenfalls keinen Nobelpreis für Literatur gebraucht. Und Ernst Jandl, Giuseppe Ungaretti und Max Frisch auch nicht!
Mit herzlichen Grüßen aus Weßling,
und vielleicht sehen wir uns ja heute Abend
um 19 Uhr im Theaterzelt „Das Schloss“ in München?
Ihr Anton G. Leitner
dtv-Anthologie „power“ unter den „50 besten Kinder- und Jugendbüchern 2010“
04. Oktober 2009Liebe Leserinnen und Leser,
2009 war ein Jahr, das mir bislang nichts geschenkt hat. Aber es war auch eines meiner kreativsten Jahre überhaupt. Innerhalb von sechs Monaten erschienen fünf Anthologien bei dtv und eine Anthologie bei Reclam.
Die ununterbrochene Arbeit hat sich gelohnt, wie es scheint. Denn meine neue dtv-Anthologie „power“ (hier eine Leseprobe) gelangte in den viel beachteten Kanon „Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010“, der traditionell auf der Frankfurter Buchmesse von Nicola Bardola präsentiert wird. Der renommierte Buchexperte Bardola stellt schon zum fünften Mal die 50 besten Kinder- und Jugendbücher der laufenden Buchsaison vor. Dabei wird er von einer prominenten Jury von Autoren, Journalisten und Buchhändlern unterstützt.
„power ist eine schmale Poesiesammlung, eine Brausetablette im Büchermeer, die es in sich hat und jungen Menschen zeigen kann, wie wichtig gute Gedichte heute sind. Keine andere literarische Gattung geht so sorgfältig mit Sprache um wie die Lyrik. Wer Lyrik liest, ist gewappnet für jegliche Form von wertvollen Texten bis hin zum täglichen Sprachmüll. […]. Es sind viele High-speed-Verse dabei, die vom Gasgeben, von Stampeden, von bouncenden Bässen in Bassboxen oder von Propellern, die gesprossen sind an Ober- und Unterschenkeln erzählen: da burnst du baby yeah. Lies doch mal!“, heißt es in der Begründung, die ab November sogar in Buchform nachzulesen ist, nämlich in: Nicola Bardola, „Lies doch mal! Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010“ (cbj).
Mich freut es besonders, dass „power“ den Sprung unter die Top 50 der Kinder- und Jugendbuchsaison 2009 geschafft hat, da es ja eigentlich im „Erwachsenprogramm“ bei dtv erschienen ist. Aber ich hatte mir die innere Vorgabe auferelgt, dass diese Sammlung (sowie ihre beiden Schwestern „relax“ und „smile“) besonders auch junge Leserinnen und Leser ansprechen soll.
Soviel für heute. Jetzt aber hinaus ins Freie, um noch einige Sonnenstrahlen zu erwischen!
Herzliche Grüße
und bis bald an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner
Verfasst von Anton G. Leitner
Verfasst von Anton G. Leitner
Verfasst von Anton G. Leitner